Gernot Wagner

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03. Jänner 2008

Entspanntes Englisch

Passiert jede Rechtschreibprüfung und so manche Schularbeit, ist aber kein idiomatisch korrektes Englisch

"Entspanntes Englisch", Wirtschaftsblatt, 3. Jänner 2008.

Zweimal pro Jahr erreicht uns ein Paket: eine Linzer Torte, die meine Eltern zu meinem und dem Geburtstag meiner Frau direkt von der Backstube in die USA versenden lassen. Zweimal pro Jahr freuen wir uns auf jedes ein­zelne Stück. Zweimal pro Jahr währt diese Vorfreude noch um einige Minuten länger, da wir uns vor lauter Lachen erst die Tränen aus den Augen wischen müssen.

Denn jede Torte wird von einer Ansichtskarte mit den Worten „Original Linzer Torte, ein süßer Gruß aus Linz" begleitet. Der Empfängeradresse entsprechend, steht darunter die englische Version. Und das macht es so lustig. „The typical cake from Linz" gefolgt von „Sweet greetings from Linz" passiert jede Rechtschreibprüfung und so manche Englisch­schularbeit, aber idiomatisch korrektes Englisch ist es nicht.


Mit dem Buddy via Handy chatten

Jeder Teenager, der im Shoppingcenter auf seinem Handy mit Buddys chatted glaubt Englisch zu können. Nur schade, dass Amerikaner oder Engländer weder „Shoppingcenter" noch „Handy" verstehen würden. Dort heißt es „Mall" und „Cell" oder „Mobile phone" und „Buddies" ersetzen „Buddys".

Werbeslogans ermuntern noch. Die InMotionLounge der ÖBB lädt Gäste zum Voten ein. Stressless Möbel und pflegende Sun-Sprays ermöglichen die passende Relaxation nach anstrengendem Surfen ­- dem durch das Web, nicht an der Beach.

Österreichern mit pseudo-englischen Werbeslogans internationales Flair zu vermitteln ist eine Sache. Englischsprachigen Kunden ein Stück Österreich zu übermitteln, etwas ganz anderes. Dazu benötigt man mehr als einen Werbetexter, der Teenslang spricht, sondern vielmehr einen Native Speaker, wie es auf gut Deutsch heißt.


Kollektiver Wissenspool

Es ist keine Schande, einzugestehen, dass selbst der beste Anglizismus-Dozent die englischsprachige Mutter nie gänzlich ersetzen kann. Ich wohne seit mittlerweile zehn Jahren in den USA, schrieb Leitartikel für die Financial Times und habe Schwierigkeiten, meinen Eltern meine Dissertation ins Deutsche zu übersetzen. Trotzdem korrigiert meine Frau noch immer meine Gehversuche in der englischen Sprache.

Muttersprachige Werbetexter einzusetzen mag beschwerlicher sein als sich auf den kollektiven Wissenspool seiner Teenage Buddys zu verlassen. Aber englisch­sprachige Werbungen, die Ausländer nach Österreich locken wollen, sollten lieber einen „Smile in the Sky" hervorrufen als ein Schmunzeln hinter vorgehaltener Hand.

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Geschrieben von Gernot Wagner, Donnerstag, Jänner 03, 2008. 0 Kommentare.

25. April 2007

Wirtschaftlicher Klimaschutz, nicht Wirschaft gegen Klimaschutz

readers-edition.de, 25. April 2007.

Klimaschutz muss sich vor allem um die Verhinderung unwahrscheinlicher Katastrophen bemühen, darf dabei aber die Kosten nicht gänzlich aus den Augen verlieren und sollte ein Stückwerk an Regulierungen tunlichst vermeiden.

Ökonomen lassen sich nur ungern zu Katastrophendenken hinreißen. Das Problem der menschlich verursachten globalen Klimaveränderung ist dabei keine Ausnahme. Für zu lange waren Wirtschaftswissenschaftler unter den konservativen Stimmen, die jeglicher Taten skeptisch gegenüber gestanden sind.

Die Argumentation bezog sich dabei hauptsächlich auf ein Gedankenspiel mit Zinssätzen. Hundert Euro mit fünf Prozent jährlichen Zinsen veranlagt, wachsen in hundert Jahren auf 13.000 Euro. Umgekehrt erscheinen hohe potentielle Schäden in hundert Jahren in heutigem Geld äußerst tragbar. Warum sollten wir uns um potentielle, zukünftige Schäden der Klimaveränderung sorgen, falls wir heute relativ kleine Summen sparen können, um uns gegen große Schäden in der Zukunft zu versichern?



Hohe Zinsen sind unmoralisch

Der „Stern Report über die Ökonomie des Klimawandels“ gibt darauf die bisher vollständigste Antwort. Im Auftrag der britischen Regierung hat Sir Nicholas Stern, ehemaliger Chef-Ökonom der Weltbank, im Herbst einen Bericht präsentiert, der für sofortige und teure Maßnahmen zur Verhinderung einer Klimakatastrophe plädiert. Trotz seiner sechshundert Seiten lässt sich die Antwort des Berichtes auf diese Frage in einer einzigen Idee zusammenfassen: ein möglichst geringer Zinssatz.

Der gesellschaftsweite Zinssatz besteht aus zwei Komponenten: zum einen aus dem zu erwartenden Wirtschaftswachstum, zum anderen aus einem Diskontsatz der unserer Ungeduld entspricht. Wir konsumieren lieber heute als morgen. Der Stern Bericht verwendet das moralische Gebot, dass der Diskontsatz für zukünftige Generationen auf null gesetzt werden soll. Der Generation unserer Kinder und Enkel muss derselbe Wert zukommen wie unserer eigenen.

Ein entsprechend geringer Zinssatz für große zukünftige Schäden rechtfertigt sofortige teure Maßnahmen. Allerdings läuft die Debatte über angebrachte Zinssätze am eigentlichen Thema vorbei.



Unsicherheit ist schwerwiegender als Risiko

Im Wesentlichen geht es um den Unterschied zwischen Risiko und Unsicherheit. Pokerspieler begegnen Risiko. Die Rahmenbedingungen sind jedem Spieler bekannt. Das Risiko besteht darin, dass niemand genau weiß, welcher Spieler welche der zweiundfünfzig Karten zieht.

Beim Klimawandel dreht sich vieles um Unsicherheit. Niemand weiß welches Szenario wir in hundert Jahren ziehen werden. Viel wichtiger jedoch ist, dass niemand weiß welche Szenarien zur Auswahl stehen – ob zweiundfünfzig oder zweihundertfünfzig – und wie groß deren Wahrscheinlichkeit ist.

Sorgen verursachen dabei nicht relativ kleine, stetige Temperaturanstiege, die Klimaforscher mit großer Wahrscheinlichkeit vorhersagen können. Es geht vor allem um katastrophale Veränderungen, von denen wir weder die genauen Auswirkungen noch die Wahrscheinlichkeiten kennen: ein Ende des Golfstroms; eine Austrocknung des Regenwaldes; oder eine losgelöste westantarktische Eisdecke, die ins Meer rutscht und binnen Jahren den Meeresspiegel um fünf Meter erhöht und Amsterdam, London, New York und dutzende andere Städte versinken lässt.

Die Chancen eines jeden dieser Horrorszenarien sind – hoffentlich – gering. Nichtsdestotrotz liegt in ihnen die größte Gefahr des Klimawandels. Dabei ist eine Debatte um den richtigen Zinssatz zweitrangig. Katastrophale Ereignisse in hundert Jahren stellen auch in heutigem Geld Katastrophen dar, egal welcher Zinssatz für die Umrechnung verwendet wird.

Einfache Versicherungen sind hiezu ebenso unlänglich. Versicherungen sind Meister im Umgang mit Risiken; mit Unsicherheiten sind sie viel weniger versiert. Nicht zuletzt beinhalten viele Versicherungsverträge Klauseln für „höhere Gewalt.“ Die Chance eines Meteoriteneinschlages verglichen mit jener eines Einbruchs ist verschwindend klein. Trotzdem bezahlt Ihre Haushaltsversicherung für entwendete Wertgegenstände, nicht aber für Attacken aus dem All.



Ein Einheitspreis für CO2

Bei der Wahl der Regulierung wirken Ökonomen oft einfallslos. Das Klimaproblem ist ein klassisches Marktversagen mit globalen Dimensionen. Einer Firma oder einem Haushalt kostet der CO2-Ausstoß nichts, die Gesellschaft hingegen trägt die Kosten des Klimawandels. Diese externen Kosten des Energieverbrauchs werden in den eigenen Entscheidungen nicht berücksichtigt. Die Antwort? Die privaten Kosten jenen der Gesellschaft angleichen. Dies lässt sich am unbürokratischsten, durchsichtigsten und fairsten durch eine einheitliche Steuer auf CO2 bewerkstelligen.

Die Transparenz dieser Steuer bedeutet leider auch oft ihren politischen Todesstoß. Die Kosten sind allzu offensichtlich. Viel leichter ist es gratis Emissionszertifikate zu verteilen, erneuerbare Energie zu subventionieren und Glühbirnen zu verbieten. Solch ein Flickwerk an Regulierungen ist aber bestenfalls uneffizient und mitunter sogar kontraproduktiv. Eine nationale, europaweite und – in letzter Konsequenz – globale Steuer ist aus volkswirtschaftlicher Sicht jeder anderen Regulierung vorzuziehen.



Sofortige Maßnahmen ja, aber wirksam in zehn Jahren

Falls dieser Kommentar an die US-Regierung gerichtet wäre, hätte ich ihn nach diesem Abschnitt beendet. Präsident George W. Bush brachte erst in seiner diesjährigen Rede zur Lage der Nation das Wort „Klimaänderung“ über die Lippen. Während in Europa Politiker meist vom Ernst der Lage (zumindest laut offiziellen Reden) überzeugt sind, wird hierzulande allzu oft ein anderer Aspekt vergessen.

Klimawandel ist das Problem einer übervollen Badewanne, nicht eines laufenden Wasserhahnes. Selbst wenn wir über Nacht den Wasserhahn vollkommen zudrehen und jeglichen CO2-Ausstoß verhindern, ist das Problem noch lange nicht gelöst. Es wird Jahrhunderte dauern bis das überflüssige CO2 aus der atmosphärischen Badewanne abfließt und auf den vorindustriellen Stand zurückkehrt. Temperaturen würden weiterhin ansteigen, Gletscher würden weiter schmelzen und die Chancen katastrophaler Klimaereignisse würden sich weiter vermehren.

Eines ist jedoch gewiss: eine solche nächtliche Aktion würde uns in eine äußerst schmerzliche Rezession katapultieren. Plötzliche Regulierungen würden viele Aspekte des täglichen Lebens schlagartig verteuern und viele Investitionen frühzeitig obsolet machen. Kraftwerke und Fabriken aber auch Heizungsanlagen und Privatautos unterliegen einem natürlichen Investitionszyklus. Sie rentieren sich erst nach ein paar Jahren, verlieren zusehends an Wert und werden schließlich erneuert.

Vorhersagbarkeit spielt dabei eine enorm wichtige Rolle. Die Unsicherheit sich plötzlich wandelnder Gesetzeslagen und Bestimmungen verursacht nicht nur einiges an Kopfzerbrechen, sondern auch tatsächliche Kosten. Anders als bei möglichen Schäden in hundert Jahren lässt sich dieser Aspekt der Unsicherheit jedoch relativ leicht lösen.

Anstatt sofortiger radikaler Maßnahmen – wie etwa einer einheitlichen Steuer auf jeglichen CO2-Ausstoß – sollte die Politik eben diese Maßnahmen in Erwägung ziehen, baldmöglichst beschließen, aber sie erst in zehn Jahren greifbar machen. Dies ließe vielen Unternehmen und Haushalten genügend Zeit, Investitionsentscheidungen entsprechend anzupassen und würde die Kosten dieses fundamentalen Eingriffes in das tägliche Wirtschaftsleben signifikant verringern.

Das Prinzip verzögerter Regulierung wird in kleinerem Ausmaß fast immer praktiziert. Kaum ein Gesetz tritt am Tag nach dessen Verabschiedung im Parlament in Kraft. Das Jahrhundertproblem Klimaveränderung bietet jedoch eine einzigartige Möglichkeit, dieses Prinzip in noch größerem Ausmaß anzuwenden und würde so auch die Umsetzung einer weit greifenden Steuer erleichtern.

Soviel Zeit muss sein. Falls nicht, ist es für Emissionsverringerungen als Lösungsansatz ohnehin zu spät und wir sollten uns lieber auf die schöne neue Welt umstellen, in der Stabilität, Frieden und Freiheit eng mit dem veränderten Klima verknüpft sind.

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Geschrieben von Gernot Wagner, Mittwoch, April 25, 2007. 0 Kommentare.

02. März 2007

Harvard für Alle

Eine Eliteuniversität für die Besten, nicht für deren Sprösslinge

"Universitätsabsolventen mit Zukunftspotenzial", Wirtschaftsblatt, 2. März 2007.

Drei Millionen Amerikaner schliessen jährlich die High School ab. Die Hälfte davon beginnt ein Studium an einer der 4000 Universitäten des Landes. 20.000 der Besten bewerben sich in Harvard, 2000 werden aufgenommen – Meritokratie in Reinkultur.

So die Theorie – die Praxis sieht anders aus. Harvards einziges Aufnahmekriterium ist „Zukunftspotenzial". Das lässt sich unterschiedlich interpretieren. Ein Schulsprecher mit perfekten Noten und Pokalen an der Wand hat Potenzial. Eine Präsidententochter oder ein Milliardärssohn auch. Wenn das Universitätsorchester noch einen Oboisten benötigt oder das Eishockeyteam auf die Olympia-Athletin nicht verzichten will, lässt sich die Definition nochmals etwas erweitern.


Lebenslange Dankbarkeit

Zu einem wirklichen Problem wird die liberale Auslegung, wenn es sich um die Sprösslinge von Absolventen handelt. Amerikanische Unis haben engvernetzte Absolventen-Seilschaften. Jedes fünfte Jahr versammelt sich jeder Jahrgang in Harvard und nimmt an mehrtägigen Sponsions-Veranstaltungen teil. Dabei geht es nicht so sehr um Kameraderie als um Verbundenheit mit der Universität. So manchem Abgänger ermöglichte das Harvard-Diplom eine lukrative Karriere. Dafür zeigt man sich gerne dankbar.

Die Harvard-Stiftung hat einen Gesamtwert von 30 Milliarden Dollar. Um den Geldfluss der Abgänger aufrechtzuerhalten, bietet Harvard eine unbezahlbare Gegenleistung: Während die durchschnittliche Aufnahme von Bewerbern bei zehn Prozent liegt, schaffen es vierzig Prozent der Absolventensprösslinge, das Aufnahmekomitee von ihrem Potenzial zu überzeugen.


Soziale Mobilität

Kinder von wohl habenden Eltern werden immer Vorteile haben. Auch wenn Harvard den Absolventen-Sprösslingen nicht bewusst weiterhelfen würde, wären ihre Aufnahmechancen besser als bei anderen. Genau darin liegt das Problem. Harvard präsentiert sich gerne als Katalysator für soziale Mobilität. Verglichen mit seinen Wurzeln als Kaderschmiede der protestantischen Elite Neuenglands ist es das auch.

Die Uni steht am Gipfel der US-Universitätslandschaft. Diese Position bedeutet aber auch Verantwortung. Der Rückgang der sozialen Mobilität in der US-Gesellschaft – verbunden mit einem neuerlichen Aufklaffen der Einkommensschere in den vergangenen beiden Jahrzehnten – rücken die Aufnahmekriterien an Eliteunis ins Bewusstsein der US-Bevölkerung.


Finanzielle Unterstützung

Harvard hat mit einer einheitlichen Bewerbungsfrist bereits Schritte in die richtige Richtung gesetzt. Von der bisherigen frühen Bewerbung profitierten nämlich vor allem Kinder wohlhabender Familien. Auch garantiert Harvard eine finanzielle Unterstützung für alle Bewerber. 70 Prozent der Studenten werden auf diese Weise von der Universität unterstützt, bei einem Familieneinkommen von unter 60.000 Dollar pro Jahr ist das Studium sogar gratis.

US-Präsident George W. Bush (durch den Absolventenstatus seines Vaters selbst Yale-Absolvent) hat sich unlängst gegen die Sprösslings-Präferenz ausgesprochen – nachdem eine seiner beiden Zwillingstöchter in Yale aufgenommen wurde.

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Geschrieben von Gernot Wagner, Freitag, März 02, 2007. 0 Kommentare.

09. November 2006

Die Wahlen sind vorbei, der Wahlkampf kann beginnen

Wirtschaftsblatt, 9. November 2006.

Die siegreichen Demokraten im US-Kongress werden die letzten beiden Jahre zu den schwierigsten in Präsident Bushs Amtszeit machen. Bush wird hoffentlich darauf reagieren. Agieren wird in den nächsten zwei Jahren jedoch niemand.

Der Kongress kann durch seine Kontroll- und Balancefunktion Exzesse der Regierung eindämmen. An Bushs Vetomacht rüttelt das Wahlergebnis allerdings nicht. Weder im Irak noch zu Hause werden die Demokraten ohne Weißem Haus viel verändern können. Auch Verteidigungsminister Donald Rumsfelds Resignation ist nur eine längst überfällige Reaktion.


Ein neuer JFK

Kein Wunder, dass die größte Aufmerksamkeit in den letzten Wochen jemandem galt, der gar nicht zur Wahl stand: Barack Obama.

Während Demokratin Hillary Clinton und Republikaner John McCain, die oft genannten Kontrahenten für Bushs Nachfolge, seit geraumer Zeit im nationalen Rampenlicht stehen, war Obama bis vor zwei Jahren noch ein völlig unbeschriebenes Blatt.

Bush erbleichte glatt vor einem Parteiabzeichen mit Obamas Nachnahmen. Diese Verwechslung mit dem meistgesuchten Terroristen der Welt wird ihm jetzt nicht mehr passieren. In den letzten beiden Jahren stieg Obama vom gefeierten, einzigen afroamerikanischen Senator in die schwindelnden Höhen der nächsten großen Präsidentschaftshoffnung der Demokraten auf. Mittlerweile wird er als neuer John F. Kennedy gefeiert.

Obama war der erste Senator, der für CNNs Larry King das Wahlergebnis interpretieren durfte. Kings zweite Frage: Wie wird das heutige Ergebnis Obamas Entscheidung beeinflussen in 2008 anzutreten?

Obama verkörpert das komplette Gegenteil der aktuellen Politik. Er wurde im liberalen Hawaii geboren und studierte an Columbia und Harvard. Dabei steht er zu beiden Tatsachen. Bush wurde im liberalen Connecticut geboren und studierte an Yale und Harvard. Er präsentiert sich lieber als bodenständiger Texaner.

Geradlinigkeit setzt Obama aber nicht nur von seinen politischen Gegnern ab. Er hat sich offen dazu bekannt in seiner Jugend Marihuana geraucht zu haben. Natürlich habe er inhaliert, bestätigte er kürzlich in einem Interview. „Darum ging es ja.“ Clinton hatte während seiner ersten Präsidentschaftskampagne standfest behauptet, zwar Marihuana probiert, aber nie inhaliert zu haben. Im Übrigen liegt Obamas restliche Kindheit und Leben vor der Politik in Buchform auf – als millionenfach verkaufter Bestseller.


Ein neuer Demokrat?

Obama gibt den Demokraten zu Recht „Mut zur Hoffnung“. Im knapp vor der Wahl erschienenen, gleichnamigen Buch beschreibt er seine Hoffnung für die Vereinigten Staaten. Darin zeichnet er ein Bild für Amerika, das sich eher in romantischen Reisebeschreibungen und fantasievollen Erzählungen über den Amerikanischen Traum findet, als in den tagespolitischen Schützengräben Washingtons.

Das ist Obamas größte Stärke. In vielerlei Hinsicht ist er ein typischer Linker. Er stimmte gegen die Abschaffung der Erbschaftsteuer, gegen ein Freihandelsabkommen mit Zentralamerika und für die verschiedensten umwelt-, bildungs- und sozialpolitischen Maßnahmen. Er verkauft diese Meinungen aber gekonnt in der Sprache des Amerikanischen Traums – als Garant für Chancengleichheit und der Möglichkeit für sozialen Aufstieg.

Seine persönliche Geschichte untermauert dieses Argument, wenngleich sie auch oft überzeichnet wird. Biographien beschreiben ihn gerne als Sohn eines „kenianischen Hirten“. Das mag zwar stimmen. Allerdings eines kenianischen Hirten mit Harvard-Diplom.

Nichtsdestotrotz verkörpert Obama den Amerikanischen Traum. Als Schwarzer, ohne jeglicher, erblich bedingter politischer Verbindungen wäre, wie er selbst hervorhebt, sein Weg in keinem anderen Land der Welt möglich gewesen.

Mit etwas Glück wird er in zwei Jahren sogar im Weißen Haus landen. Auf jeden Fall benötigt er dazu mehr Glück als er mit seinem Namen hat. Nicht nur sein Nachnahme bringt unter Amerikanern, die ihn zum ersten Mal hören, ungewünschte Assoziationen mit sich. Sein wohl behüteter Mittelname ist Hussein.

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Geschrieben von Gernot Wagner, Donnerstag, November 09, 2006. 1 Kommentare.

27. September 2006

Profitable Spenden

Charity, Stiftungen & Profit: Ein neuer Trend
Profitgedanke hält in gemeinnützigen Stiftungen Einzug, zum Wohle aller Beteiligten

Wirtschaftsblatt, 27. September 2006.


Spenden machen sich oft für den Spender bezahlt. Mäzene schreiben ihre Großzügigkeit von der Steuer ab, deklarieren sie als Werbeaufwendungen oder kaufen sich so nicht-materielle Glückseeligkeit. Schlussendlich verbleibt aber stets ein Geldbetrag, der aus den Kassen des Spenders in jene des Empfängers fließt. Wenn es nach dem jüngsten Trend unter Großspendern geht, scheint dieser Grundsatz nicht mehr zu gelten.


Der große Unterschied

Die Google-Gründer Larry Page and Sergey Brin haben die erste offizielle For-Profit-Charity, eine gewinnorientierte Wohltätigkeitsorganisation, gegründet. Dabei geht es selbstverständlich nicht nur um Gewinn. Die Google-Stiftung versucht in den Bereichen Welthunger, Energie und Umwelt Gutes zu tun.

Sir Richard Bransons letzter Streich lässt sich ebenso in diese Kategorie einreihen. Der exzentrische Milliardär am Ruder der britischen Virgin Group hat sich dem Kampf gegen Klimawandel verschrieben.

Der große Unterschied zu herkömmlichen Stiftungen ist, dass beide bewusst auf die Steuervorteile verzichten, die gemeinnützigen Organisationen traditionell gewährt werden. Dabei geht es um beachtliche Summen. Google.org geht mit einem Startkapital von einer Milliarde Dollar ins Rennen. Branson versprach dem Kampf gegen Klimawandel alle Profite der Fluglinie Virgin Air und seiner Privatbahn über die nächsten zehn Jahre hinaus, schätzungsweise drei Milliarden Dollar. Den amerikanischen und britischen Steuerzahlern kann es nur recht sein, dass niemand Steuernachlässe gültig machen wird.


Kredite statt Spenden

Ein Grund, warum diese Großspender auf die extra Finanzspritzen des Fiskus verzichten, ist Flexibilität. Weder Google noch Virgin sind dafür bekannt sich von traditionellen Verhaltensmustern Auflagen machen zu lassen. Bei gemeinnützigen Stiftungen wiehert der Amtsschimmel jedoch mit besonderer Begeisterung. Der Verzicht auf Steuernachlässe geht mit einem Verzicht auf besondere bürokratische Auflagen herein.

For-Profit-Stiftungen dürfen ohne weiteres eigene Unternehmen gründen und in profitträchtige Unternehmen investieren. Sowohl beim Kampf gegen Armut als auch gegen den Klimawandel ist dies von unumstrittenem Vorteil.

Kleinkredite sind etwa oft effektiver als direkte Spenden. Der Grund läuft auf das Selbe hinaus, wie der sprichwörtliche Unterschied zwischen Fische verteilen und jemandem Fischen zu lernen. Der eine profitiert so lange die Spenden reichen. Der andere baut sich mit seinem Kredit eine eigene Existenz auf.

Kleinkredite sind kein Allheilmittel, aber richtig eingesetzt bewirken sie tatsächlich Wunder. Die Verantwortung für die Rückzahlung motiviert Kreditempfänger mit ihren Geldern vorsichtiger umzugehen als Spendenempfänger. Ein Teil der Google-Milliarde fließt an einen Geschäftsplanwettbewerb, um Ideen wie Kleinkredite zu identifizieren und zu fördern.

Beim Kampf gegen Klimawandel dreht sich alles um die Entwicklung von Alternativen zu fossilen Brennstoffen. Karitative Zuwendungen sind dafür zwar nett, ohne eigenständigen Profit werden sie aber stets wie Almosen wirken. Sir Richard gründete Virgin Fuels mit genau diesem Verständnis. Ob die 400 Millionen Dollar Startkapital Gewinn bringen werden, kann er noch nicht sagen. Eines ist aber klar: Wenn die Investition zumindest langfristig nicht rentabel ist, ist es um eine Alternative zu Öl schlecht bestellt. Falls es tatsächlich zu einem Durchbruch kommt und Virgin Fuels etwa einen nicht-fossilen Flugtreibstoff entwickelt, wären die 400 Millionen rentabler angelegt als in irgendeinem seiner anderen 200 Unternehmen der Virgin Group.


Hoffen auf enorme Profite

Für die Welt wäre es nur von Vorteil, wenn Google und Virgins karitative Projekte enorme Profite abwerfen und ihre Konzerne in Sachen Rentabilität in den Schatten stellen. Man sollte also hoffen, dass Google.org profitabler wird als Google.com. Dann spielen auch die verlorenen Steuernachlässe keine Rolle mehr.

Sollten die Projekte trotz allem unrentabel bleiben, dürfen ihre Spender die Beträge zumindest teilweise in die Spalte „Werbeaufwendungen“ rücken und zu guter Letzt auch noch beruhigt schlafen. Kein Spa-Besuch ersetzt den erholsamsten aller Schlafarten, den Philanthropenschlaf.

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Geschrieben von Gernot Wagner, Mittwoch, September 27, 2006. 0 Kommentare.

13. Juni 2006

Globalisierung auf Umwegen

Skype kann, was die AUA nicht schafft

Wirtschaftsblatt, 13. Juni 2006.

New York, 22:00 Uhr Ortszeit. Dem Österreich-Urlaub steht nichts mehr im Wege. Gleich nach dem Abendessen habe ich Flug, Züge, Hotels und Restaurants gebucht. Nichts ist vor dem Internet sicher. Google Earth verrät sogar den schnellsten Weg durch den Schönbrunner Irrgarten.

Es gibt ein einziges Problem: Meine Frau sitzt beim Flug nach Wien hinter anstatt neben mir. Ein kurzer Blick auf die Webseite der Austrian Airlines (AUA) zeigt, dass eine Änderung nur telefonisch möglich ist. 800 843 0002: die Tonbandstimme verrät in perfektem Englisch, die AUA sei nur von 9 bis 18 Uhr Ostküstenzeit geöffnet. Excuse me?


Wider die Globalisierung

Immer wieder gibt es jemanden, der sich direkt gegen die Kräfte der Globalisierung zu stemmen versucht. Diesmal ist es aber ein österreichisches Paradeunternehmen, das sein Geschäftsmodell schon auf Globalisierung ausgelegt hat, bevor das Wort überhaupt erfunden worden ist.

Es ist gut und richtig, dass die AUA ihre New Yorker Mitarbeiter um 18 Uhr nach Hause schickt – warum sollten sie nicht auch am Abend ihren Österreich-Urlaub planen können?! Dass aber die gesamte AUA nach 18 Uhr New Yorker Zeit geschlossen ist, ist natürlich Unsinn. Neben der Telefonnummer für Amerika verrät die Website auch die Nummern von Aserbaidschan bis Südkorea. Wer ist also um diese Zeit noch wach?

852 2525 5221: Nach einem vierminütigen Gespräch mit dem AUA-Schalter in Hongkong hat meine Frau den Sitzplatz neben mir. Zusätzlich rät die nette Dame am anderen Ende zu einem asiatisch-vegetarischem Gericht an Bord, schmeckt angeblich ausgezeichnet. Dank Internet-Telefonservice Skype, über das ich telefoniere, belaufen sich die Kosten der Umbuchung auf 12 Cent. Ich hätte zwei Cent weniger bezahlt, hätte mich die AUA-Mitarbeiterin nicht gefragt, ob ich gerade in Hongkong sei. Nach einem gemeinsamen Lacher bat ich meine Gesprächspartnerin noch, sich für mich bei ihrer Kollegin in Tokio zu entschuldigen. Auf deren freundliches "Musch musch" konnte ich leider nicht antworten. Sie sprach kein Englisch und ich fand erst später im Internet das japanische Wort für Entschuldigung: "Sumimasen".


Nicht schutzbedürftig

Warum aber muss ein Kunde für eine Sitzplatzänderung erst die Telefonnummer eines englischsprachigen Büros auf der anderen Seite der Welt eruieren? Der nächste Anruf könnte genauso gut eine Neureservierung sein. Anstelle des AUA-Büros in Hongkong ruft der amerikanische Kunde vielleicht British Airways an und wird – ohne es zu merken – zu einem Callcenter in Indien verbunden.

Einzelpersonen benötigen und verdienen zu Recht einen gewissen Schutz vor der globalen 24-Stunden-Gesellschaft. Einem weltweit agierenden Unternehmen kann und sollte so ein Schutz aber niemals gewährt werden.

New York, ein Uhr Ortszeit. In Österreich beginnt der Arbeitstag. Der Kochkurs im Bregenzer Deuring Schlössle ist bestätigt, Gratis-Kochschürze inkludiert. Der Kursleiter, so wird mir versichert, spricht selbstverständlich Englisch.

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Geschrieben von Gernot Wagner, Dienstag, Juni 13, 2006. 0 Kommentare.

24. April 2006

Wo das Schnitzel 30 Dollar kostet

Top Gewinn, April 2006, p 60-61Porträt von Chef Kurt Gutenbrunner, Top Gewinn, April 2006.

Vor sechs Jahren eröffnete Kurt Gutenbrunner in New York sein erstes Restaurant. Mittlerweile besitzt der gebürtige Niederösterreicher im Big Apple fünf Gourmettempel. Sein Erfolgsgeheimnis? So gute Schnitzel machen, dass man dafür 30 Dollar verlangen kann.


Alles lässt auf ein typisches Wiener Beisl schließen. Drei Steigen Äpfel zieren den Eingang. Brot und Butter werden auf Holzbretteln serviert. Auf dem Menüplan stehen Blutwurstgröstel und Kaiserschmarrn. Erst beim Bestellen bemerkt man, dass man sich in einem besonderen Wirtshaus befindet. "Rührei mit Kernöl und Speck." "Excuse me? Ah, scrambled eggs." Auch wenn jede Kellnerin einen Crash-Kurs in österreichischer Geografie bekommen hat und um den Ursprung der drei Hügel in den Salzburger Nockerln Bescheid weiß -- im Umgang mit ihren Kunden sprechen sie meist Englisch. Die „Blaue Gans“ befindet sich inmitten Manhattans.

Kurt Gutenbrunner eröffnete vor sechs Jahren in New York sein erstes Restaurant. Er nannte es Wallsé, nach seiner Heimatstadt in Niederösterreich an der Donau. Der französische Akzent war eine Konzession an die amerikanische Sprache. "Wallsee" hätten New Yorker mit einer Mauer am Ozean verwechselt ...


„Österreich ist nur eine Nische“

In kürzester Zeit hat Gutenbrunner in Manhattan, in der kompetitivsten Restaurantszene der Welt, ein Imperium aufgebaut. Die Blaue Gans ist mittlerweile Gutenbrunners fünftes Restaurant. Von einem österreichischen Boom in New York will er allerdings nichts wissen. In New York gibt es 18.000 Restaurants, davon sechs österreichische. Wenn es einen Boom gibt, dann jenen der Marke Gutenbrunner.

„Mit Nationalität lässt sich nur auf kurze Sicht hin punkten“, so Gutenbrunner. Wallsé, sagt er, war ein gekonntes Nischenprodukt. Anstatt der in Amerika traditionell beliebten italienischen oder französischen Küche konzentrierte er sich auf alles Österreichische. Die Weinkarte ist fast vollkommen österreichisch. Das Menü ebenso. Und bei Gutenbrunner mindestens genauso wichtig: absolut auf Qualität getrimmt sein. So gilt etwa sein Café Sabarsky, das Gutenbrunner ein Jahr nach Wallsé eröffnete, als eines der wenigen gehobenen Museumsrestaurants und ist das erste, das in der „New York Times“-Bewertung zwei Sterne bekam.

Diese Obsession mit Qualität hat sich auch wirtschaftlich ausgezahlt. Ein Wallséer Wiener Schnitzel kostet 30 Dollar, ohne die üblichen 20 Prozent an Trinkgeld. Trotzdem verkauft sich abends jeder Tisch zwei- bis dreimal. Wallsé und Café Sabarsky sind auch bereits profitabel. Die Blaue Gans sollte bald folgen. Dort gibt es das gleiche Schnitzel um den Spottpreis von 24 Dollar – ohne Trinkgeld, versteht sich. Dafür sind die anderen Kosten ebenso niedrig. Ganz in Wiener-Beisl-Tradition sucht man Tischtücher in der Blauen Gans vergebens.

Mittlerweile verkauft sich auch Gutenbrunners Name selbst. Im Wallsé hängt ein überdimensionales Gemälde von Julian Schnabel. Das Porträt ist unverkennbar, komplett mit den Initialen „KG“ auf der Brust seiner Chefjacke. „Kochen ist eine Sache, Marketing another.“

Gutenbrunner wechselt mühelos zwischen Englisch und Deutsch im selben Satz. Überhaupt scheint er immer mehrere Dinge gleichzeitig zu erledigen. Während des Interviews beobachtet er mit einem Auge den Kellner am Nachbartisch. Nebenbei genießt er ein Stück Sachertorte mit Schlag. „My daily sugar.“ Dazu einen Capuccino. Ohne den käme er nicht aus, den und seinen Blackberry.


Die besten Mitarbeiter ziehen mit dem Chef

Mittlerweile braucht Gutenbrunner mehr als einen Organizer, um den Überblick über seine Organisation zu behalten. Innerhalb von fünf Jahren kam er von null auf 200 Mitarbeiter bei fast 15 Millionen Umsatz. „Es ging schnell“, meint er. Seine engsten Mitarbeiter hat er stets selbst ausgewählt. Bei der Wahl kommt ihm auch die Stadt zugute. Es ist einfach, aufstrebende österreichische Talente nach New York zu locken. Weindirektor Aldo Sohm war bereits in Tirol ein steter Vertreter bei den Sommelier-Weltmeisterschaften. Mittlerweile ernannte ihn „New York Magazine“ zum Best Sommelier 2006. Die besten Mitarbeiter kommen mit Gutenbrunner von einem Projekt zum nächsten. Küchenchef Matthias Fröschel ist wie Sohm seit Wallsé mit dabei. Beide wechselten in den letzten beiden Jahren von Wallsé zu Gutenbrunners Hotel-Restaurant Thor und weiter zur Blauen Gans. Allen Gutenbrunner-Chefs gemein ist, dass sie Gulaschsuppe und Wurstsalat in der Blauen Gans ebenso beherrschen wie Kumamoto-Austern mit Gelbflossenthunfisch und Störkaviar für das Valentinstagsmenü im Wallsé. Nebenbei panieren sie das feinste Wiener Schnitzel, egal an welcher Seite des Atlantiks.


Von Michelin- zu „New York Times“-Sternen

Gutenbrunner entschied sich mit 14, Koch zu werden. Über Stationen in der Wachau und der Schweiz gelangte er nach Wien und zu seinem ersten Michelin-Stern.

Danach heuerte er im Münchner Restaurant Tantris an und stieg prompt in die gastronomische Drei-Sterne-Stratosphäre auf, der höchsten Michelin-Bewertung. Der Ruf aus New York ließ nicht lange auf sich warten. Windows of the World, unter der Leitung von David Bouley, veranlasste die „New York Times“, Gutenbrunners Küche ebenso die Höchstnote auszusprechen: vier „New York Times“-Sterne. Nach einem weiteren Intermezzo in München kehrte er endgültig nach New York zurück.

Die weiteren Stationen? Aus Peking gibt es eine Anfrage für ein hiesiges Café Sabarsky. Die Blaue Gans könnte sich ebenso bald vermehren. Los Angeles und Florida klingen für Gutenbrunner interessant. Nach Florida geht es nächste Woche. Rein privat, versichert er, „on a date“. Aber ganz glaubhaft ist dies nicht. Es würde ihn bestimmt keinen Tag am Strand halten.

Und Österreich? Diese Frage entlockt Gutenbrunner ein kleines Schmunzeln. Bezug zur Heimat gibt es genug. Nicht zuletzt durch seinen Sohn aus erster Ehe, der in Wallsee die vierte Klasse Hauptschule besucht. Er kommt in den Osterferien zu Besuch, rechtzeitig zum Eröffnungsspiel der New York Yankees. „Leicht hat er es nicht“, spaßt Gutenbrunner, als Baseball-Fan in Wallsee. Wie wäre es also mit einem Restaurant in Österreich? Er überlegt kurz: „In Österreich braucht man zuerst ein Problem, um etwas zu tun. Hier braucht man nur eine Idee.“ Solange es an Letzteren nicht mangelt, bleibt er dort.

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Geschrieben von Gernot Wagner, Montag, April 24, 2006. 0 Kommentare.

17. November 2005

Mehr Einkommen - Mehr Staatlicher Umweltschutz

Leserbrief, Die Presse, 17. November 2005.

Richard Stroup argumentiert gegen staatliche Regulierung indem er sagt, dass mehr Einkommen zu einer besseren Umwelt führt ("Mehr Einkommen - bessere Umwelt", Die Presse, 17. November 2005). Ab einem gewissen Punkt und für bestimmte Schadstoffe (nicht etwa das Treibhausgas CO2) stimmt dies auch. Allerdings führt höheres Einkommen nicht direkt zu einer besseren Umwelt. Mehr Einkommen führt zu höherer staatlicher Regulierung und diese führt zu einer besseren Umwelt. Deshalb bedeuten Wohlstand und Demokratie eine bessere Umwelt, Wohlstand alleine hingegen nicht unbedingt.

Natürlich heißt das nicht, dass jede staatliche Regulierung auch gut ist. Manche sind gewiss kontraproduktiv. Wir brauchen daher einen intelligenteren Staat, nicht unbedingt einen kleineren oder größeren.

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Geschrieben von Gernot Wagner, Donnerstag, November 17, 2005. 0 Kommentare.

08. April 2004

Die Tücken der Sommerzeit

Raiffeisenzeitung, Nr. 15, 8. April 2004, Gastkommentar, Seite 3.

Sonntag, 28. März, 2:00 Uhr früh. Ich verliere eine ganze Stunde meines Lebens, nur um sie im Oktober wieder zurückzubekommen. Kein Problem, sage ich mir. Schließlich passiert das jedes Jahr, aber heuer war es doch ein bisschen zu viel des Guten.

Sonntag, 4. April, 2:00 Uhr früh. Nordamerika dreht seine Uhren eine Stunde vor. Ich bin fuchsteufelswild. Noch eine Stunde für immer verschwunden. Warum ich? Warum hätte ich nicht letztes Wochenende in den USA und dieses in Europa verbringen können?

Wie bei so vielen Schnapsideen lässt sich die Sommerzeitumstellung auf einen Amerikaner zurückführen. Und auch nicht irgendeinen: Benjamin Franklin, Erfinder des Blitzableiters und Amerikas erster Diplomat, zeichnet höchstpersönlich dafür verantwortlich. Allerdings erlebte Franklin die Umsetzung seiner Idee nicht mehr. Dazu benötigten die Amerikaner -- wie sollte es anders sein -- ihr Militär. Während der beiden Weltkriege nahmen die USA, Österreich und einige europäische Länder den Krieg als Vorwand und führten die zweimal jährliche Zeitumstellung ein, um die Staatskassen zu schonen. 1980 wurde sie schließlich permanent in Österreich eingeführt.

Dafür gibt es tatsächlich einige seriöse Gründe. Eine Stunde mehr Sonnenlicht am Abend erspart vielen enorme Summen an Energiekosten, während die verloren gegangene Stunde Licht am Morgen kaum eine Rolle spielt. Im Sommer wird es ohnehin schon zu unmenschlich früher Zeit hell. Im Winter hingegen heben sich die Ersparnisse am Nachmittag durch die erhöhten Energiekosten in der Früh wieder auf. Die Zeitumstellungen im Frühjahr und Herbst wirken sich also merkbar auf die Geldbörse aus. Aus wirtschaftlichen Gründen sind sie mehr als sinnvoll.

Jetzt stellt sich nur mehr die Frage warum ich heuer gleich zwei Stunden meines Lebens verloren habe. Falls die Sommerzeitumstellung tatsächlich nur aus wirtschaftlichen Gründen erfolgt, sollte es schließlich einen einzigen Tag geben, an dem es am günstigen ist, jeden eine Stunde seines wohlverdienten Schlafes zu berauben. Für jeden Breitengrad sollte das optimale Datum dasselbe sein. Dazu kommt, dass die Umstellung selbst mit Kosten verbunden ist und diese durch internationale Kooperation auf ein Minimum gehalten werden könnten.

Die Realität sieht allerdings anders aus. Europa dreht seine Uhren am letzten Sonntag im März vor; Nordamerika folgt am ersten Sonntag im April; und Israel hat gar keinen fixen Zeitpunkt. Dort bestimmt das Innenministerium jedes Jahr aufs Neue, wann jeder um seine Stunde Schlaf kommt.

Bei der Zurückstellung auf Normalzeit geht es noch einmal drunter und drüber. In Israel passiert es ungefähr am ersten Freitag im September; gefolgt von den Palästinensern am ersten Freitag nach dem 15. Oktober; und in Europa und Nordamerika dürfen sich alle am letzten Oktobersonntag so richtig ausschlafen. China, Japan und der halbe US-Bundesstaat Indiana legen sich gleich ganz quer und stellen ihre Uhren erst gar nicht um.

Hier geht es um nichts Persönliches. Schließlich erhielt ich eine meiner verlorenen Stunden irgendwo am Flug über den Atlantik wieder zurück. Falls aber tatsächlich der Hauptgrund für die Zeitumstellung die Einsparung von Energiekosten ist, warum sind wir international nicht in der Lage auf einen gemeinsamen Nenner zu kommen? Anstatt uns über Demokratie, Welthandel und andere noble Belange den Kopf zu zerbrechen, vielleicht können wir es zunächst einmal mit unseren Uhren versuchen.

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Geschrieben von Gernot Wagner, Donnerstag, April 08, 2004. 0 Kommentare.

01. April 2003

Der Rest der Welt

Der Rest der WeltDer Rest der WeltMein erstes Buch ist im Ueberreuter Verlag erschienen. Wie der Titel vermuten lässt, ist das Ganze leider nicht allzu ernst zu nehmen: Der Rest der Welt: Ein Reiseführer für überzeugte Daheimbleiber. Mehr dazu auf der Seite zum Buch.

Der Rest der Welt:
Ein Reiseführer für überzeugte Daheimbleiber

Gernot Wagner
Mit Illustrationen von Kurier-Karikaturist Michael Pammesberger
Verlag Carl Ueberreuter
144 pages, paperback
ISBN 3-8000-3957-5

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Geschrieben von Gernot Wagner, Dienstag, April 01, 2003. 0 Kommentare.

25. September 2002

Amerikas globale Rolle

Amerikas globale Rolle: Einem Europäer fällt es immer schwerer, die Amerikaner in der Heimat zu verteidigen

Die Presse, 25. September 2002, Gastkommentar, Seite 2.

Während meines bisher vierjährigen Aufenthaltes in den USA gab es für mich immer eine Tatsache. Hier in Amerika kommentierte ich jede politische Aktion äußerst kritisch, betonte genüsslich dass Clinton oder Bush "eure" und nicht "meine" Präsidenten seien, und erzählte mit Stolz von der besseren Lebensqualität auf dem Alten Kontinent. Wann immer ich jedoch nach Österreich kam, verteidigte ich eben dieses Amerika und ging dazu über seine guten Seiten zu loben. Ja, natürlich gibt es dort auch genügend Probleme, aber die manchmal bis an die Obsession grenzende Gedanken- und Redefreiheit, das hohe Maß gesellschaftlicher Vielfalt, und die in Europa unerreichbar hohe soziale Mobilität seien jedoch über alles andere zu stellen.

Diese Tatsache hat sich aber stark verändert. In letzter Zeit wurde es immer schwieriger, die Politik der USA und somit auch die Grundsätze der amerikanischen Gesellschaft im Ausland zu verteidigen. Während meines jüngsten Aufenthaltes in Österreich hatte ich selbst Probleme damit klarzustellen, dass trotz allem die Vereinten Nationen ja doch eine amerikanische Erfindung seien. Ich stimmte stillschweigend zu, als mein Onkel erwähnte, dass George Washington eigentlich ein Terrorist war und hatte sogar etwas Sympathie für die Haltung meines Cousins, als er mir zu erklären versuchte, warum die Terroranschläge vom 11. September das Werk des amerikanischen Geheimdienstes CIA sein mussten.

Ich fand plötzlich heraus, dass meine vorprogrammierte Rede über die Vorzüge der amerikanischen Demokratie ("Ja, ein grossteil kam nicht zu den Urnen. Es stimmt, die Mehrheit entschied sich anders, aber schau, die Wahlen wurden trotzdem mit der Hilfe von Rechtsanwälten und nicht des Militärs entschieden.") seine Gültigkeit verloren hatte. Es sieht ganz danach aus, dass das Weiße Haus die nächsten Präsidentschaftswahlen mit einer rechtzeitig angesetzten Militärinvasion beeinflussen wolle.

Mit den kürzlich verhängten Importzöllen für Stahl und den erhöhten kontraproduktiven Agrarförderungen, die vor allem landwirtschaftlichen Großbetrieben zu Gute kommen, kann ich mittlerweile nicht einmal mehr mit ruhigem Gewissen die USA als Beispiel für freien Handel und Liberalisierung anführen. Wie sollte ich etwas entgegenhalten, wenn jemand behauptet dass die Amerikaner den freien Markt ja auch nur unterstützen wenn es in ihr Konzept passt?

Zu guter Letzt kommt da noch die Umwelt. Genug gesagt. Es ist schlicht und einfach zu schwierig geworden, die Politik Amerikas zu verteidigen. Wie soll ich jemanden davon überzeugen, dass der diplomatischste hochrangige Vertreter der US-Regierung, und auch jener mit der vernünftigsten Haltung in Sachen globaler Umweltprobleme, ein ehemaliger Kriegsgeneral ist?

Schlussendlich ist es eigentlich verwunderlich, wie viel die Österreicher über Amerika wissen. Ob es sich etwa um Ariel Sharons Unterstützung für Jeb Bushs Wahlkampagne in Florida, George W. Bushs Schritt zur Freigabe der Waldrodung in Nationalparks oder George Bush Seniors väterlichen Rat Irak betreffend handelt, der Durchschnittsösterreicher ist wahrscheinlich besser über den Bush Klan als über so manche eigenen Regierungsmitglieder informiert. Zumindest weiß man in Österreich mehr über die USA als es den Bushs lieb wäre.

Immerhin hat sich eine Tatsache nicht verändert. Ich kann noch immer darüber witzeln, dass Österreich einfach zu unbedeutend ist um genauso irritierend zu sein, wie die USA.

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Geschrieben von Gernot Wagner, Mittwoch, September 25, 2002. 0 Kommentare.

16. Juni 2002

In Defense of a Dream

Argumente für ein Studium in den USA

Jahresbericht des Bundesgymnasium Amstetten, Juni 2002.

Gleich vorweg: Ich identifiziere mich in fast allen Belangen mehr mit den 20.000 Protestanten die U.S. Präsident Bush bei seinem jüngsten Besuch in Berlin empfangen haben, als mit den politischen Haltungen des Weißen Hauses. Ich bin auch davon überzeugt, dass die Lebensqualität in Österreich und Europa ein Vielfaches besser ist als in weiten Teilen Amerikas. Trotzdem aber bereue ich keine Minute meines Aufenthaltes hier in den USA und kann einen solchen Schritt nur jedem empfehlen.

Mein Abenteuer – im wahrsten Sinne des Wortes – begann in der 7. Klasse Gymnasium, als ich mich entschieden hatte das Schuljahr an einer amerikanischen High School zu verbringen. Im ersten Semester konnte ich gleich unmittelbare Erfahrung mit den 25 Prozent der Amerikaner machen, die zu den fundamentalen evangelischen Christen zu zählen sind. Meine Gastmutter versuchte mich zu ihrer Form des Glaubens zu bekehren, was ihr trotz dutzender, oft stundenlanger Diskussionen über die wissenschaftliche Richtigkeit der Geschichte rund um Noahs Arche und wöchentlicher, dreistündiger Messen in einem gigantischen, stadionähnlichen Gotteshaus mit live Satellitenübertragung für die daheim Gebliebenen nicht gelang. Obwohl ich damals nie meinen Eltern die ganze Wahrheit sagen hätte können und ich mich nach sechs Monaten dann selbst um eine neue Gastfamilie gekümmert habe (die danach auch meinen Bruder Michael liebevoll ein Jahr lang in ihr Haus aufgenommen hat und mit der wir noch immer regen Kontakt pflegen), würde ich diese Erfahrung um nichts missen wollen.

Dies trifft übrigens auch auf den Rest des Experiments Amerika zu. Amerika ist nicht perfekt – bei weitem nicht. Der durchschnittliche Amerikaner verbringt mehr Zeit pro Jahr in Verkehrsstaus als im Urlaub, erliegt eher modernen Zivilisationskrankheiten wie Krebs und Fettleibigkeit als der Rest der Bevölkerung, und dabei verbraucht er mehr Energie und produziert mehr Müll als alle anderen. Aber trotzdem gibt es Dinge, die dieses Land nicht nur zu einem faszinierenden Studienort sondern auch in vielen Belangen einzigartig in der Welt machen.

Amerikaner pochen auf ein Niveau der Gedanken- und Redefreiheit, das manchmal bis an Obsession grenzen kann. Die USA ist eines der einzigen Länder, in dem man im Wartezimmer der Einwanderungsbehörde Fernseher laufen lässt, die eine halbstündige Dokumentation über die Berliner Protestanten zeigen, und dabei deren Anliegen durchaus positiv gegenübersteht. Amerika ist wahrscheinlich auch das einzige Land, in dem ein Pakistaner eine Inderin in ein eritreisch-äthiopisches (!) Restaurant ausführen kann, ohne dabei (allzu) abwegige Absichten zu haben. Was Amerika aber sogar noch besonderer macht, ist ein Maß an sozialer Mobilität, von dem man in jedem anderen Land nur träumen kann. Die Eltern meiner Frau kamen vor dreißig Jahren, ohne ein Wort Englisch zu sprechen, aus Thailand in den USA an. Ihre Tochter schloss vor zwei Jahren ihr Studium mit Auszeichnung ab – an Harvard. Selbstverständlich gibt es auch in den USA soziale Ungleichheiten, selbstverständlich hilft es auch hier "wen zu kennen," und selbstverständlich geht mit einer dicken Geldbörse vieles einfacher, aber mit einem gewissen Maß an Willenskraft und ein bisschen Glück kann es jeder schaffen von traditionellen sozialen Ständen loszubrechen, um beispielsweise eine den Talenten und dem Arbeitswillen entsprechende Universität zu absolvieren.

Das bedeutet auch, dass Amerika – zum Teil aufgrund der gieren Größe des Landes, zum Teil aber auch wegen dieser einzigartigen Faktoren – unglaubliche Chancen für jeden bietet, der den Schritt über den großen Teich wagt. Schließlich ist dies auch der einzige Weg an so manchem Missstand in den USA zu arbeiten.

Historiker Edward Gibbons wusste von dieser Erkenntnis noch nicht, als er im 18. Jahrhundert sein Monumentalwerk The Rise and Fall of the Roman Empire verfasste, aber die Römer haben ihren Untergang nicht zuletzt der Tatsache zu verdanken, dass ihr Wassersystem für seine Zeit ausgesprochen fortgeschritten war – ohne aber über alle Konsequenzen Bescheid zu wissen. Die weitläufige Nutzung von Bleirohren für die Wasserversorgung Roms sorgte dafür, dass weite Teile der Bevölkerung einem frühzeitigen Tod durch Bleivergiftungen erlagen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass in absehbarer Zukunft niemand The Rise and Fall of the American Empire verfassen können wird, aber vorsichtshalber lerne ich gerade schon einmal Chinesisch.

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PDF Brief an Landesschulräte

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Geschrieben von Gernot Wagner, Sonntag, Juni 16, 2002. 0 Kommentare.

18. Februar 2002

Stell dir vor, es gibt eine Rezession und keiner merkt's

Raiffeisenzeitung, Nr. 48, 29. November 2001, Gastkommentar, Seite 3.
Nachgedruckt: Die Presse, 18. Februar 2002, Gastkommentar, Seite 2.

Seit dem Platzen der durch den Rummel um die neue "E-Wirtschaft" künstlich aufgeblähten "Internet Bubble" zu Beginn dieses Jahres, standen die Zeichen für die amerikanische Wirtschaft unter keinem guten Stern. Die tragischen Ereignisse Anfang September haben die US Wirtschaft nochmals ein Stück näher in Richtung Rezession gedrängt, und jetzt sieht es aller Anschein nach aus wie wenn der Rest der Welt der USA solidarisch Folge leistet.

Wifo-Chef Helmut Kramer wagte als erster in seiner Wirtschaftsprognose für Österreich das R-Wort in den Mund zu nehmen. Finanzminister Karl-Heinz Grasser widersprach ihm dabei postwendend. Jetzt stellt sich nur mehr die Frage: Wem juckt's?

Die Definition einer Rezession verlangt zwei aneinanderfolgende Vierteljahre mit negativem Wirtschaftswachstum. Übersetzt in Zahlen, bedeutet dies, dass das Bruttoinlandsprodukt, kurz BIP, ein halbes Jahr lang fallen muss. Natürlich gehen mit einer schrumpfenden Wirtschaft negative Konsequenzen Hand in Hand: Steigende Arbeitslosenzahlen haben direkte, in vielen Fällen existenzbedrohende Auswirkungen auf tausende von Familien.

Eines bedeutet die Rezession in unseren Breiten allerdings nicht oder nur kaum: ein niedrigerer Lebensstandard für weite Teile der Bevölkerung.

Das BIP misst nicht das gesellschaftliche Wohlbefinden oder gar die eigentliche Glücklichkeit der Bevölkerung. Es misst einzig und allein das Wirtschaftsvolumen, unseren materiellen Wohlstand. Mehr Geld macht uns für gewöhnlich auch glücklicher, aber nur bis zu einem gewissen Punkt. Sich die Grundbedürfnisse wie Essen, Gewand, und ein eigenes Haus, aber auch Fernseher, Auto, und Urlaub nicht leisten zu können, beeinträchtigt natürlich unser Wohlbefinden. Kaum jemand würde argumentieren dass das Leben in Österreich ohne diese Güter und Dienstleistungen erstrebenswerter wäre.

Es gibt jedoch einen Punkt nach dem diese Korrelation zwischen materiellem Wohlstand und allgemeinem Wohlergehen zusammenbricht, besonders wenn zusätzliches Wirtschaftswachstum andere negative Auswirkungen modernes Wirtschaftslebens mit sich bringt, wie beispielsweise steigende soziale Ungleichheit und Umweltverschmutzung.

Solch "unökonomisches" Wachstum lässt das BIP allerdings völlig unberührt. Ob positive oder negative Wirtschaftsaktivitäten, alles wird kunterbunt zusammengewürfelt. Ein Unternehmen das Rohstoffe in wichtige Produkte des täglichen Gebrauchs umwandelt, trägt berechtigter maßen zum Anstieg des BIP bei. Allerdings entstehen, wie in jedem Produktionsprozess, auch ungewünschte Nebenprodukte, die in der Form von Abfällen und Schadstoffen in die Umwelt gelangen.

Diese entstehende Umweltverschmutzung wird nicht vom BIP subtrahiert. Ganz im Gegenteil, wenn die Regierung entscheidet etwas dagegen zu tun, um die bereits entstandenen Verschmutzungen zu beseitigen, trägt dies wiederum zum Anstieg des BIP bei, weil Geld aufgewendet wird. Daran ist grundsätzlich nichts auszusetzen, da diese Aufräumarbeiten auch Personen beschäftigen und der Sektor der Umwelttechnologie beispielsweise einen viel versprechenden Wirtschaftsbereich darstellt.

Was dieses Beispiel allerdings verdeutlicht, ist, dass die Zahl des BIP nur einen schlechten Indikator des eigentlichen Wohlstandes darstellt. Ohne Umweltverschmutzung würde es uns als Gesellschaft zweifelsohne besser gehen als mit. Es sollte daher nicht verwundern, dass, besonders in Industrieländern, Indikatoren die eigentliche Glücklichkeit und Wohlergehen messen in den letzten paar Jahrzehnten nicht mit dem jährlich beobachtbaren Wirtschaftswachstum Schritt gehalten haben. Deshalb sollte es auch keinen Grund geben, dass diese Indikatoren sinken, wenn unser BIP tatsächlich fällt.

Die Probleme mit der Messung des BIP und dessen Relevanz als Indikator tatsächlichen Wohlbefindens sind universitären Forschungseinrichtungen und statistischen Zentralämtern sowie internationalen Organisationen wie EUROSTAT, der statistischen Behörde der EU, seit Jahren ein Begriff. Neben der täglichen Arbeit des Erstellens aktueller Wirtschaftsdaten, beschäftigt sich deren Forschungsarbeit teils intensiv mit den vielen Aspekten der Verbesserung und Erweiterung der Messung des BIP.

Bis es allerdings soweit ist, dass offizielle BIP Zahlen tatsächlich höhere Relevanz als Wohlstandsindikatoren besitzen, sollte deren Erwähnung, besonders im Zusammenhang mit so heiklen Themen wie denen des R-Wortes, mit einer gehörigen Brise Salz genossen werden.

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Geschrieben von Gernot Wagner, Montag, Februar 18, 2002. 0 Kommentare.

15. Juli 2001

Klimaänderung und Auswirkungen auf den Agrarsektor

Landwirtschaftliche Mitteilungen, 15. Juli 2001, Gastkommentar, Seite 11.
Nachgedruckt: Raiffeisenzeitung, Nr. 31, 2. August 2001, Gastkommentar, Seite 3.
Beauftragt (ohne redaktioneller Einflussnahme) von der Österreichischen Hagelversicherung.


Mittlerweile gibt es kaum noch seriöse Wissenschaftler die bezweifeln, dass sich das Weltklima in noch nie wahrgenommenem Ausmaß erwärmt. Was das allerdings für unsere Gesellschaft bedeutet, ist weit weniger bekannt. Oft hört man Argumente, dass ein bisschen Erwärmung für unsere Breiten gar nicht so schlecht wäre. Einige Wintersportgebiete würden natürlich darunter leiden, aber wer will schon nicht gerne ein paar zusätzliche Badetage genießen und zu guter Letzt würde eine längere Anbausaison auch für die Landwirtschaft höhere Erträge bringen.

Ganz abgesehen davon, dass mit wärmeren Temperaturen auch längere Trockenperioden einhergehen und die Ernteerträge wiederum negativ beinträchtigen, bringt die globale Klimaänderung noch ein viel größeres Problem mit sich, dem oft geringere Aufmerksamkeit geschenkt wird: Die Anzahl und Intensität von extremen Wetterereignissen wie Flut-, Sturm- und Dürrekatastrophen sind in den letzten Jahren dramatisch angestiegen.

Professor James McCarthy, Leiter der Arbeitsgruppe II des UNO-Wissenschaftsrates zur Klimaveränderung (IPCC), die sich mit den potentiellen Auswirkungen auf Mensch und Natur befasst, geht sogar soweit zu behaupten, dass unsere Besorgnis um Anstiege der weltweiten Durchschnittstemperatur fast vom eigentlichen Problem ablenkt: "Die Auswirkungen des Temperaturanstieges sind von Region zu Region verschieden. Eines ist allerdings klar. Alle Gebiete werden einen rasanten Anstieg von Stürmen und Unwettern erleben, da sich die Atmosphäre irgendwie der neu gewonnenen Energie, die sie in Form von Wärme gewonnen hat, entledigen muss."

Die Zahlen sprechen für sich. Munich Re, die weltweit größte Rückversicherungsanstalt, bei der sich andere Versicherungen gegen Schäden wie Naturkatastrophen absichern, ermittelte, dass die Anzahl solcher Ereignisse in den neunziger Jahren im direkten Vergleich mit den sechziger Jahren um das Dreifache gestiegen ist, während sich die volkswirtschaftlichen Schäden sogar um das neunfache vermehrten. Ein großer Teil dieses rasanten Schadenanstieges ist selbstverständlich darauf zurückzuführen, dass sich der materielle Wohlstand unser stetig wachsenden Bevölkerung innerhalb dieser vier Jahrzehnte auch rapide vermehrt hat. Dies trifft allerdings auf den neunfachen Schadensanstieg zu, nicht aber auf den dreifachen Anstieg von Naturkatastrophen. Diese Verdreifachung kann einzig und alleine durch eine tatsächliche Zunahme von Naturkatastrophen erklärt werden, welche Munich Re selbst zumindest teilweise mit der Klimaänderung in Verbindung bringt.

Von besonderem Interesse für den Agrarsektor ist allerdings nicht nur der absolute Anstieg von Naturkatastrophen, sondern deren Zusammensetzung. Rund zwei Drittel aller von Munich Re im Detail untersuchten Naturereignisse in Deutschland waren Sturmschäden. Deren Anteil am volkswirtschaftlichen Gesamtschaden beträgt sogar 75 Prozent. Als außerordentlich sensibler Wirtschaftssektor, ist die Landwirtschaft dabei besonders gefährdet. Selbst die einfältigsten US-Wirtschaftswissenschaftler gestehen dies ein. Sie verwenden gerne die Argumentation, dass wir uns um die Klimaänderung nicht sorgen sollten, da die Landwirtschaft der einzige Wirtschaftssektor sei, der davon betroffen ist und diese nur ein paar Prozente des Bruttosozialproduktes ausmache.

Diese Haltung mag so manchem zwar eine Stelle in der Bush-Regierung bescheren, aber die Argumentation ist grundlegend falsch. Sie basiert auf der Annahme, dass sich unser gesamtes Leben nur um die Optimierung des Bruttosozialproduktes dreht, was Gott sei Dank nicht der Fall ist.

Unsere Gesellschaft ist Landwirten ja bekanntlich für weit größere Dienstleistungen zum Dank verpflichtet als für die bloße Bereitstellung von einigen Prozentpunkten unseres Wirtschaftsvolumens. Die Pflege der Kulturlandschaft und die Bewahrung lebenswichtiger ökologischer Dienstleistungen kann allerdings nur aufrechterhalten werden, wenn wir das Problem der Klimaveränderung und die damit einhergehenden Auswirkungen auf den Agrarsektor ernst nehmen. Dies ist nicht nur für die Landwirtschaft selbst, sondern auch für die gesamte Gesellschaft von größter Bedeutung.

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Geschrieben von Gernot Wagner, Sonntag, Juli 15, 2001. 0 Kommentare.

07. April 2001

Ein Ed Fagan für Bangladesch?

Ein Ed Fagan für Bangladesch? Juristische Schritte gegen die Klimapolitik der USA müssten möglich sein

Die Presse, 7. April 2001, Gastkommentar, Seite 2.

Kurz vor den US-Präsidentenwahlen letzten November versprach George W. Bush, Kohlendioxid vor dem Gesetz als Luftschadstoff einstufen zu lassen und konkrete Maßnahmen zu setzen um dessen Ausstoß zu vermindern. Präsident Bushs Versprechen wurde während der Kampagne kaum beachtet.

Dennoch waren die Reaktionen groß, als Bush verkündete, Kohlendioxid doch nicht als Schadstoff deklarieren zu lassen. Bush erklärte, daß die Wissenschaft noch nicht reif sei, das Problem der Klimaveränderung – insbesondere dessen Ursachen – zu verstehen. Die wissenschaftliche Grundlage für eine solche Behauptung verliert allerdings zusehends an Boden.

In seinem Bericht vor fünf Jahren hat der UNO-Wissenschaftsrat zur Klimaveränderung (IPCC) noch festgestellt, daß die Beweislage auf einen spürbaren menschlichen Einfluß auf das Weltklima hindeutet. In seinem jüngsten Bericht stellt der IPCC schon dezidiert fest, daß Menschen wesentlich zur beobachteten Erwärmung der letzten 50 Jahre beigetragen haben. Dieser Bericht stellt den Konsensus mehrerer hundert Wissenschaftler weltweit dar – eine Gruppe, die sowohl aus Umweltschützern als auch aus Vertretern von Industrie und Wirtschaft besteht.

Dennoch halten die USA noch immer an dem Standpunkt fest, daß die menschliche Rolle übertrieben dargestellt werde. Diese Position sollte einen nicht verwundern, zumal die USA nur vier Prozent der Weltbevölkerung stellen und dennoch für 25 Prozent der Kohlendioxid-Emissionen verantwortlich zeichnen. Aber seit wann ist es Brauch, auf ein Geständnis der schuldigen Partei zu warten?

Die USA haben ja bekanntlich die Kunst des internationalen Rechtsstreits perfektioniert. Der New Yorker Anwalt Ed Fagan hat gezeigt, daß es mit ausreichend Druck möglich ist, Forderungen einzuklagen, für die kein Gericht dieser Welt zuständig ist. Es hat genügt, einen internationalen Konsensus zu erlangen und soviel Druck auf schweizerische, deutsche und österreichische Unternehmen sowie die jeweiligen Regierungen auszuüben, daß sich diese bereit erklärt haben, Entschädigungszahlungen zu tätigen.

Ein direkter Vergleich zwischen Opfern des Holocaust und Opfern der globalen Klimaerwärmung ist selbstverständlich nicht möglich und würde den berechtigten Schadenersatzansprüchen vieler Holocaustopfern keinen guten Dienst erweisen, aber gewisse Parallelen sind ersichtlich. Über das nächste Jahrhundert werden beispielsweise Dutzende Millionen Bürger von Bangladesch und anderen Küsten- und Inselstaaten durch steigenden Meeresspiegel von ihrer Heimat vertrieben werden. Wenn man jetzt noch bedenkt, daß die USA der Hauptverursacher dieser Klimaveränderung sind, stellt es keinen intellektuellen Quantensprung dar, Amerika für die Ozeanisierung dieser Gebiete hauptverantwortlich zu machen.

Es wäre schwierig, Schadenersatz für Ereignisse zu fordern, die sich über die nächsten hundert Jahre abzeichnen werden, aber es gibt Alternativen. Wissenschaftler sind sich zwar über die direkten Zusammenhänge zwischen Klimaveränderungen und Flut-, Sturm- oder Dürrekatastrophen nicht gänzlich einig, aber alles deutet darauf hin, daß sich diese extremen Wettersituationen mit den Veränderungen im Weltklima vermehrt haben und auch noch weiter vermehren werden.

Es ist jetzt nur mehr nötig, einen glaubwürdigen Mittelwert für diesen Anstieg zu finden, und schon gibt es Grund genug, die USA für zig tausend Menschenleben zur Verantwortung zu ziehen. Juristische Schritte gegen die Klimapolitik der USA müssten möglich sein.

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Geschrieben von Gernot Wagner, Samstag, April 07, 2001. 0 Kommentare.