Gernot Wagner

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18. November 2009

Heißer Tanz ums Klima


Financial Times Deutschland, 18. November 2009.

Man trifft sich auf Bali, in Bangkok, Barcelona und Bonn. Die Gesichter sind immer dieselben. Seit Jahren fliegen Delegierte aus aller Welt zu klimatisierten, fensterlosen Konferenzzentren in exotischen Destinationen. Dabei wird gern die Fabel erzählt, dass beim Verhandeln des 1997 abgesegneten Kioto-Klimaprotokolls mehr Treibhausgase ausgestoßen wurden, als das Protokoll schlussendlich vermeiden würde. Das ist natürlich Unsinn.

Es geht um nichts weniger als eine komplette Neuorientierung der Weltwirtschaft, eine Umgestaltung des 4000 Mrd. € starken Energiesektors. Bei den Klimagesprächen deutet derweil alles auf ein rein politisches Abkommen diesen Dezember in Kopenhagen hin. Sprich, Diplomaten werden am Rand stehen, während die Obamas, Browns, Hus, Lulas und Singhs dieser Welt ein Rahmenübereinkommen erzielen, das für den Klimatross nochmals ein Jahr harter Diplomatie verspricht, bis es tatsächlich zu einer Erneuerung des Kioto-Protokolls oder einer gänzlich neuen Vereinbarung kommt.

Die Hauptakteure im diplomatischen Tanz wie auch im eigentlichen Klimawettlauf sind dabei die EU, die USA, China, Brasilien und Indien. Die EU als Klimavorreiter prescht voran mit der neuen grünen Wirtschaft und hat auch als diplomatischer Tanzpartner bereits einige Avancen gemacht. Perfekt ist Brüssel bei Weitem nicht, aber besser als der Rest allemal.

Die USA sind der Nachzügler. Schon George Bush, der Ältere, hatte 1992 in Rio de Janeiro, noch bevor die Klimagespräche existierten, erklärt, dass der Lebensstil Amerikas nicht zur Debatte steht. Bill Clinton änderte daran wenig. Sein Vize und mittlerweile nobelierter Klimakreuzritter Al Gore flog zwar nach Japan, um das Kioto- Protokoll zu retten, aber der Senat hatte ihm da schon einen Strich durch die Rechnung gemacht.

Jetzt sprinten die USA in die richtige Richtung und bemühen sich ungemein, ihre inneren Organe, den Senat, auf das Ziel Emissionshandelssystem einzuschwören. Für den Tanz fehlen den Amerikanern derzeit noch die richtigen Schritte, aber auch die sind nur eine Frage der Zeit.

Die große Unbekannte ist, ob die anderen Akteure den Schrittvorgaben der USA folgen möchten.

China ist dezidiert zweigleisig unterwegs. Einerseits schießen die Emissionen Jahr für Jahr in neue Rekordhöhen, andererseits rast das Reich der Mitte aber auch bereits mit zunehmender Geschwindigkeit in Richtung einer emissionsarmen Wirtschaft. Beim Tanz zeichnet sich China trotz des gestrigen Besuchs des US-Präsidenten vor allem als äußerst zurückhaltender Partner aus. China ist die attraktive Dame, mit der jeder tanzen möchte, die sich aber selbst ihrer Schritte nicht sicher ist und lieber jegliche Avancen lautstark ablehnt.

Brasilien hingegen beherrscht den Tanz perfekt. Die diplomatischen Sambaschritte liegen im Blut – oder eigentlich in der Lunge des Landes. 50 Prozent der Emissionen kommen von der Waldabholzung. Jeder möchte den Regenwald retten, und Brasilien weiß das. Geldgeber stehen nicht gerade Schlange, aber das kleine, ölreiche Norwegen hat bereits mit einem Milliardengebot von sich hören lassen. Weitere Geldquellen werden sich finden.

Indien befindet sich am unteren Ende der Entwicklungskurve und bastelt noch eifrig am Fahrzeug, um überhaupt am Rennen teilnehmen zu können. Sein Hauptproblem derzeit sind nicht zu hohe Emissionen, sondern die Unterentwicklung. Indien ist noch immer mehr Slumdog als Millionär. Aber das ändert sich rasch.

Afrika, Indien, manche Teile Südamerikas und Chinas haben selbst kaum Infrastruktur und tragen derzeit daher wenig zum Klimaproblem bei. Dabei sind sie, neben tief liegenden Inselstaaten, die Hauptbetroffenen. Landwirtschaft und Grundversorgungssicherheit sind vom Klimawandel am stärksten betroffen. Allerdings werden viele dieser Länder und Regionen bald eine entscheidende Rolle in Sachen Emissionen spielen, sollten sie dem fossilen Weg derzeitiger Industrienationen folgen.

Dies bedeutet auch eine große Chance. So wie viele Entwicklungsländer den Schritt der Telegrafenmasten überspringen und gleich auf Mobiltechnologie setzen, können sie sich auch von der Fossilwirtschaft abwenden, ehe sie sich ihr vollkommen unterwerfen. Anstatt zentral geplanter Kohlekraftwerke setzen etwa viele bereits auf lokal erzeugte, erneuerbare Energie.

Wachstum und Entwicklung sind gut und vollkommen notwendig. Rezessionsbedingte Emissionsrückgänge mögen zwar kurzfristig der Umwelt helfen, aber insgesamt sind sie keinesfalls positiv. Was die grüne Wirtschaft dagegen so erstrebenswert macht, ist, dass sie neben Klimastabilität auch Arbeitsplätze schafft – unter anderem in traditionellen Bereichen. In jede Windturbine fließen 250 Tonnen Stahl, die erzeugt, gebaut und transportiert werden müssen.

Die Klimaforschung eröffnet eine Welt der Möglichkeiten für die Wirtschaft – und eine große Herausforderung für Politiker und Klimaverhandler.

Wir wissen, dass die Welt bald von ihrem derzeitigen Kurs stets steigender Treibhausgase auf einen Kurs fallender Emissionen umschwenken muss. Wir wissen, dass wir mit klaren politischen Signalen Investitionen in emissionsreiche, ineffiziente Infrastruktur in eine emissionsarme, effiziente Zukunft umlenken können. Und wir wissen, dass innerhalb der nächsten zehn Jahre alle großen Nationen dieser Welt auf einem Weg der fallenden Treibhausgase sein müssen.

Die Aufgabe vor uns ist, ein globales Abkommen zu erzielen, das dieses Umlenken möglich macht – ohne Verzögerung.

Geschrieben von Gernot Wagner, Mittwoch, November 18, 2009.

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