18. September 2008
Vom Genfer bis zum Neusiedler See

"Weit ist der Weg in die alte Heimat", Eurocity (ÖBB Zugmagazin), Oktober 2008.
Den Ausgang am Genfer Flughafen ziert ein großes F. Einmal versehentlich abgebogen – und schon wäre man in Frankreich. Wir sehen einander fragend an. Verlockend wäre ein Frankreich-Besuch schon, aber dieses Mal steht etwas anderes auf dem Programm. Sieben Tage, sieben Orte, eine Frage: Wo in der Heimat ließe es sich am besten leben? New York hat einiges zu bieten, mitunter auch eine einstündige Zugfahrt zum Flughafen. In Genf sind es kaum fünfzehn Minuten zum Bahnhof im Stadtzentrum, fünf weitere zu Fuß direkt zum See.
Nachdem wir unseren Wanderrucksack im Hotelzimmer abgestellt haben, taucht die Frage auf: Wen sollen wir hier nach Restaurantempfehlungen befragen? Genfer scheinen an einem Sommersonntag in Genf nämlich kaum anzutreffen zu sein. Oder sie sind von Touristen nicht zu unterscheiden.
Genf ist einerseits ein verträumtes Städtchen mit eleganter Seepromenade und ruhigen Plätzen. Kaum ein Gebäude im Zentrum hat mehr als acht Stockwerke. Andererseits herrscht hier Internationalität pur. Gmunden trifft die Vereinten Nationen. Meine Frau und ich, mit vier Reisepässen von drei Kontinenten im Gepäck, passen gut dazu.
Immer noch auf Restaurantsuche begeben wir uns zur Touristeninformation. Die Dame hinter dem Schalter soll ihr Lieblingslokal verraten. „McDonald’s“, kommt die prompte Antwort. Okay, vielleicht machen wir uns doch selbst auf die Suche. Auf der Seepromenade sticht uns das „Hotel President Wilson“ ins Auge. Oben thront die mit 39.000 Euro pro Nacht teuerste Hotelsuite der Welt, im Erdgeschoß lockt das Restaurant „Arabesque“ Feinspitze mit eleganter libanesischer Küche. Den Vorspeisenteller ziert eine reife Sommertomate. Hier lässt sich’s leben.
Am Abend sammeln sich Fans zum Fußball-EM-Finale in der Fanzone. Wir sitzen mit einigen heißblütigen Spaniern am Tisch, was sich bald bezahlt macht. Trotz aller Internationalität scheint nach Spaniens Titelgewinn ganz Genf im Bann von Torres, Alonso & Co. zu stehen. Von einem Balkon im dritten Stock trompetet jemand die ersten Noten der spanischen Hymne. Noch am nächsten Morgen sorgt mein gelbrotes Laufshirt für enthusiastische „Viva España“-Rufe von der gegenüberliegenden Straßenseite.
Nach der kurzen Laufrunde entlang dem See, vorbei an mehreren Botschaften und Uno-Gebäuden bis hinauf zum Hauptquartier der Weltgesundheitsbehörde geht’s heute per Zug und Bus via Zürich nach Lech am Arlberg. Als wir die schweizerische Landschaftsidylle im Vorbeifahren bewundern und über die „Insel der Seligen“-Mentalität nachdenken, steigen vier Grundwehrdiener mit Sturmgewehren ein und besetzen die Plätze gegenüber. Die Gewehre seien ungeladen, versichern sie sofort lächelnd und dreisprachig.
In Zürich machen wir zum Mittagessen am Hirschenplatz Halt. Deutschsprachige Bankiers am Nachbartisch ersetzen hier Uno-Diplomaten. Die Speisekarte kommt trotzdem viersprachig. Nach dem Essen schlendern wir zurück zum Bahnhof, bewundern dort den Abbau überdimensionaler Fußballerfiguren und machen es uns schließlich mit Büchern für die zweistündige Weiterfahrt über die österreichische Grenze gemütlich. Von Langen am Arlberg bringt uns ein Postbus hinauf ins alpine Lech auf 1.444 Meter Seehöhe.
Nach der Metropole Zürich mit Dorfplatzambiente finden wir uns plötzlich in einem Zweitausend-Einwohner- Dorf mit Weltstadtflair. Im „Hotel Austria“ spricht das Personal bis zum Zimmermädchen im Dirndl Englisch. Die Tourismusbroschüren könnten von jeder schicken New Yorker Agentur stammen. Trotzdem empfängt uns der Besitzer Georg Strolz persönlich mit einem freundlichen „Griaß eich“. In der mit allerhand antiken Wanduhren dekorierten Lounge oder in Sauna und Dampfbad vergisst man die Zeit.
Am nächsten Morgen begrüßen uns am Frühstückstisch eine zweisprachige Erklärung des zu erwartenden prächtigen Bergwetters und ein Bestellformular fürs Jausenpaket: Käsebrote mal zwei, Äpfel mal vier, Manner Schnitten mal zwei – oder doch lieber gleich vier? Vor dem Aufbruch weihen wir den Hotelbesitzer in unseren Plan ein, in den nächsten drei Tagen durch die Lechtaler Alpen von Hütte zu Hütte zu wandern. Die einzige Bedingung sei, dass wir in drei Tagen gegen Mitternacht den Nachtzug in St. Anton Richtung Wien erwischen sollten.
Georg Strolz ist skeptisch. Er weiß nicht, ob bereits alle Wanderwege geöffnet sind: „Oben auf den Bergen liegt noch Schnee. Und von woher kommt ihr noch schnell?“ Nach kurzer Inspektion unserer Wanderschuhe, wünscht er uns schließlich „Berg Heil“. Wir versprechen ihm, dass wir bei Unpassierbarkeit oder Schlechtwetter einfach wieder anklopfen werden. „Gerne“, schmunzelt er.
Auf geht’s auf den Rüfikopf. Über Schneefelder und die Landesgrenze zwischen Vorarlberg und Tirol erreichen wir gegen Mittag die Stuttgarter Hütte. Beim Weitermarsch werden die Befürchtungen unseres Gastgebers wahr. Schnee und ein aufziehendes Gewitter zwingen uns, ins Almajurtal abzusteigen. Am Tag darauf versuchen wir’s nochmals, diesmal übers Kaisertal. Nach rund eintausend Höhenmetern wird es wieder wolkig. Wir sind bereits im Bus zurück nach Lech, als das Gewitter durchzieht, und es ist wunderbar sonnig, als wir nach kurzer Fahrt in Lech ankommen. „Wie versprochen: Bei Regen sind wir wieder da. Zu Hause ist es doch am schönsten.“ Georg Strolz lächelt wohlwollend. Ja, hier in Lech lässt sich’s leben.
Am nächsten Tag ist es bereits in der Früh unbeständig. Anstatt einer Tageswanderung fahren wir gleich nach Innsbruck weiter. Der Nachtzug Richtung Wien hält auch dort und der spätere Abfahrtszeitpunkt erlaubt uns noch, bei der Eröffnung der Tiroler Festspiele live dabei zu sein.
Nach einer erholsamen Nacht im Zug wachen wir in Amstetten in Niederöstereich auf und verbringen einen wunderbaren Tag wandernd, plaudernd und rundum verwöhnt mit meinen Eltern und Familie. Hier lässt sich’s bestimmt leben.
Am letzten Urlaubstag geht es schließlich via Wien Westund Südbahnhof nach Purbach am Neusiedler See zu meinem zehnjährigen Maturatreffen im neuen Haus eines Schulkollegen. Wir feiern mit Freunden munter bis spät in die Nacht. Die Urlaubskarte an meine Eltern schreibt sich von selbst: „Himmel blau, Essen gut, Einheimische freundlich: Hier lässt sich’s leben.“
Geschrieben von Gernot Wagner, Donnerstag, September 18, 2008. ![]()

