Gernot Wagner

Startseite    |    Kontakt    |    Writing in English
Economist/Trees image

This page is powered by Blogger. Isn't yours?

XML

30. Juni 2008

Ein kreatives Einmaleins

"Ein kreatives Einmaleins", Festschrift 70 Jahre Bundesgymnasium Amstetten, 30. Juni 2008.

Das wichtigste Jahr meiner Gymnasialbildung war jenes, das ich nicht in Amstetten verbracht habe. Ohne mein Austauschjahr in der 7. Klasse hätte ich nicht an Harvard studiert, hätte meine Frau nicht kennengelernt, hätte meinen Beruf nicht gefunden und würde im November nicht den Präsidenten der USA mitwählen. Aber ohne die anderen sieben Jahre am BG - BRG Amstetten wäre es nie zu diesem einen Jahr gekommen.

Die sechs Jahre davor gaben mir ausreichend Kuriosität und Selbstbewusstsein mich erst für diesen Schritt zu entscheiden; die Garantie des Maturajahres danach gab meinen Eltern die Gewissheit, dass ich trotz aller Abenteuer in Übersee, doch noch zertifizierbare Reife erlangen würde. Aber was bedeutet dieses Zertifikat, das Maturazeugnis einer allgemeinbildenden höheren Schule im Herzen Europas, überhaupt?


Allgemeinbildung in einer unvorhersehbaren Welt

Unter meinen dreizehn Klassenkollegen befinden sich ein Pilot, ein vielgereister Programmierer, ein engagierter Krankenpfleger und eine Londoner Bankprojektleiterin. Es ist fair anzunehmen, dass keiner dieser Berufe detailliertes Verständnis von Mozartarien oder voralpinen Gesteinsstrukturen voraussetzt. Was all diese Berufe vereint, ist, dass sie sich in den nächsten zwanzig, dreißig oder vielleicht bereits zehn Jahren grundsätzlich verändern werden.

Die diesjährige Maturaklasse geht in der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts in Pension. Niemand weiß wie die Welt in fünf Jahren aussehen wird. Wir versuchen junge Menschen für die Welt in den nächsten fünfzig Jahren auszubilden. Dazu kommt die zunehmende Spezialisierung der Arbeit, in der sich nicht mehr einzelne Personen oder Firmen sondern ganze Länder auf das konzentrieren, was sie am besten können.

Die Schule soll also auf eine sich rasch wandelnde, zusehends spezialisierte Welt vorbereiten. Das scheint schlicht unmöglich – ist es auch. Keine Schule kann diese Rolle alleine übernehmen, ebenso keine noch so gute Universität.

Allgemeinbildung kann helfen den Werkzeugsatz zu erweitern und auf viele Situationen vorzubereiten. Sie wird aber nie alle Eventualitäten abdecken können. Viel wichtiger als mehr Werkzeuge anzusammeln oder sie fein abzustimmen ist, die Zusammenhänge zwischen den verschiedenen Fächern zu erkennen, sie kreativ vereinen zu können.


Komplex oder kompliziert?

Ein Problem wie jenes des Klimawandels zu verstehen bedarf verschiedenster wissenschaftlicher Disziplinen – von Biologie, Chemie und Physik über Geografie, Geschichte und Politik bis hin zu Ökonomie und Ethik.

Klimawandel, Welthunger oder etwa Flugzeugcockpits sind komplex. Viele unternehmensinterne Strukturen, die stereotypische Bürokratie, oder die Tortour ein Kabelmodem zu installieren sind kompliziert. Die Herausforderung für die Allgemeinbildung ist dabei klar. Sie sollte vor allem ermöglichen, komplexe Zusammenhänge zu verstehen, komplizierte zu vermeiden und zu vereinfachen und dabei Kreativität nicht aus dem Auge zu verlieren.

Was bedeutet dies konkret? Weniger Cicero, mehr Chinesisch? Weniger Goethe, mehr Genetik? Vielleicht. Mehr interpretativer Tanz? Absolut. Entscheidend ist die Frage der Balance zwischen Grundwissen und Kreativität. Ideenreichtum ist in dieser Welt mindestens so wichtig wie Lesefähigkeit und das große Einmaleins.

Wie steht es also um die Matura am BG - BRG Amstetten? Bereitet sie überhaupt auf die Welt danach vor? Diese Frage kann ich auch von dieser Seite des Atlantiks bejahen.

Jetzt freue ich mich erstmals auf unser zehnjähriges Maturatreffen. Vielleicht können wir dabei auch voralpine Gesteinsstrukturen aus der Nähe betrachten und beim Almabstieg die eine oder andere Madonna- – äh – Mozartarie summen.

Geschrieben von Gernot Wagner, Montag, Juni 30, 2008.

Kommentare

Kommentar veröffentlichen