Gernot Wagner

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02. März 2007

Harvard für Alle

Eine Eliteuniversität für die Besten, nicht für deren Sprösslinge

"Universitätsabsolventen mit Zukunftspotenzial", Wirtschaftsblatt, 2. März 2007.

Drei Millionen Amerikaner schliessen jährlich die High School ab. Die Hälfte davon beginnt ein Studium an einer der 4000 Universitäten des Landes. 20.000 der Besten bewerben sich in Harvard, 2000 werden aufgenommen – Meritokratie in Reinkultur.

So die Theorie – die Praxis sieht anders aus. Harvards einziges Aufnahmekriterium ist „Zukunftspotenzial". Das lässt sich unterschiedlich interpretieren. Ein Schulsprecher mit perfekten Noten und Pokalen an der Wand hat Potenzial. Eine Präsidententochter oder ein Milliardärssohn auch. Wenn das Universitätsorchester noch einen Oboisten benötigt oder das Eishockeyteam auf die Olympia-Athletin nicht verzichten will, lässt sich die Definition nochmals etwas erweitern.


Lebenslange Dankbarkeit

Zu einem wirklichen Problem wird die liberale Auslegung, wenn es sich um die Sprösslinge von Absolventen handelt. Amerikanische Unis haben engvernetzte Absolventen-Seilschaften. Jedes fünfte Jahr versammelt sich jeder Jahrgang in Harvard und nimmt an mehrtägigen Sponsions-Veranstaltungen teil. Dabei geht es nicht so sehr um Kameraderie als um Verbundenheit mit der Universität. So manchem Abgänger ermöglichte das Harvard-Diplom eine lukrative Karriere. Dafür zeigt man sich gerne dankbar.

Die Harvard-Stiftung hat einen Gesamtwert von 30 Milliarden Dollar. Um den Geldfluss der Abgänger aufrechtzuerhalten, bietet Harvard eine unbezahlbare Gegenleistung: Während die durchschnittliche Aufnahme von Bewerbern bei zehn Prozent liegt, schaffen es vierzig Prozent der Absolventensprösslinge, das Aufnahmekomitee von ihrem Potenzial zu überzeugen.


Soziale Mobilität

Kinder von wohl habenden Eltern werden immer Vorteile haben. Auch wenn Harvard den Absolventen-Sprösslingen nicht bewusst weiterhelfen würde, wären ihre Aufnahmechancen besser als bei anderen. Genau darin liegt das Problem. Harvard präsentiert sich gerne als Katalysator für soziale Mobilität. Verglichen mit seinen Wurzeln als Kaderschmiede der protestantischen Elite Neuenglands ist es das auch.

Die Uni steht am Gipfel der US-Universitätslandschaft. Diese Position bedeutet aber auch Verantwortung. Der Rückgang der sozialen Mobilität in der US-Gesellschaft – verbunden mit einem neuerlichen Aufklaffen der Einkommensschere in den vergangenen beiden Jahrzehnten – rücken die Aufnahmekriterien an Eliteunis ins Bewusstsein der US-Bevölkerung.


Finanzielle Unterstützung

Harvard hat mit einer einheitlichen Bewerbungsfrist bereits Schritte in die richtige Richtung gesetzt. Von der bisherigen frühen Bewerbung profitierten nämlich vor allem Kinder wohlhabender Familien. Auch garantiert Harvard eine finanzielle Unterstützung für alle Bewerber. 70 Prozent der Studenten werden auf diese Weise von der Universität unterstützt, bei einem Familieneinkommen von unter 60.000 Dollar pro Jahr ist das Studium sogar gratis.

US-Präsident George W. Bush (durch den Absolventenstatus seines Vaters selbst Yale-Absolvent) hat sich unlängst gegen die Sprösslings-Präferenz ausgesprochen – nachdem eine seiner beiden Zwillingstöchter in Yale aufgenommen wurde.

Geschrieben von Gernot Wagner, Freitag, März 02, 2007.

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