09. November 2006
Die Wahlen sind vorbei, der Wahlkampf kann beginnen
Wirtschaftsblatt, 9. November 2006.Die siegreichen Demokraten im US-Kongress werden die letzten beiden Jahre zu den schwierigsten in Präsident Bushs Amtszeit machen. Bush wird hoffentlich darauf reagieren. Agieren wird in den nächsten zwei Jahren jedoch niemand.
Der Kongress kann durch seine Kontroll- und Balancefunktion Exzesse der Regierung eindämmen. An Bushs Vetomacht rüttelt das Wahlergebnis allerdings nicht. Weder im Irak noch zu Hause werden die Demokraten ohne Weißem Haus viel verändern können. Auch Verteidigungsminister Donald Rumsfelds Resignation ist nur eine längst überfällige Reaktion.
Ein neuer JFK
Kein Wunder, dass die größte Aufmerksamkeit in den letzten Wochen jemandem galt, der gar nicht zur Wahl stand: Barack Obama.
Während Demokratin Hillary Clinton und Republikaner John McCain, die oft genannten Kontrahenten für Bushs Nachfolge, seit geraumer Zeit im nationalen Rampenlicht stehen, war Obama bis vor zwei Jahren noch ein völlig unbeschriebenes Blatt.
Bush erbleichte glatt vor einem Parteiabzeichen mit Obamas Nachnahmen. Diese Verwechslung mit dem meistgesuchten Terroristen der Welt wird ihm jetzt nicht mehr passieren. In den letzten beiden Jahren stieg Obama vom gefeierten, einzigen afroamerikanischen Senator in die schwindelnden Höhen der nächsten großen Präsidentschaftshoffnung der Demokraten auf. Mittlerweile wird er als neuer John F. Kennedy gefeiert.
Obama war der erste Senator, der für CNNs Larry King das Wahlergebnis interpretieren durfte. Kings zweite Frage: Wie wird das heutige Ergebnis Obamas Entscheidung beeinflussen in 2008 anzutreten?
Obama verkörpert das komplette Gegenteil der aktuellen Politik. Er wurde im liberalen Hawaii geboren und studierte an Columbia und Harvard. Dabei steht er zu beiden Tatsachen. Bush wurde im liberalen Connecticut geboren und studierte an Yale und Harvard. Er präsentiert sich lieber als bodenständiger Texaner.
Geradlinigkeit setzt Obama aber nicht nur von seinen politischen Gegnern ab. Er hat sich offen dazu bekannt in seiner Jugend Marihuana geraucht zu haben. Natürlich habe er inhaliert, bestätigte er kürzlich in einem Interview. „Darum ging es ja.“ Clinton hatte während seiner ersten Präsidentschaftskampagne standfest behauptet, zwar Marihuana probiert, aber nie inhaliert zu haben. Im Übrigen liegt Obamas restliche Kindheit und Leben vor der Politik in Buchform auf – als millionenfach verkaufter Bestseller.
Ein neuer Demokrat?
Obama gibt den Demokraten zu Recht „Mut zur Hoffnung“. Im knapp vor der Wahl erschienenen, gleichnamigen Buch beschreibt er seine Hoffnung für die Vereinigten Staaten. Darin zeichnet er ein Bild für Amerika, das sich eher in romantischen Reisebeschreibungen und fantasievollen Erzählungen über den Amerikanischen Traum findet, als in den tagespolitischen Schützengräben Washingtons.
Das ist Obamas größte Stärke. In vielerlei Hinsicht ist er ein typischer Linker. Er stimmte gegen die Abschaffung der Erbschaftsteuer, gegen ein Freihandelsabkommen mit Zentralamerika und für die verschiedensten umwelt-, bildungs- und sozialpolitischen Maßnahmen. Er verkauft diese Meinungen aber gekonnt in der Sprache des Amerikanischen Traums – als Garant für Chancengleichheit und der Möglichkeit für sozialen Aufstieg.
Seine persönliche Geschichte untermauert dieses Argument, wenngleich sie auch oft überzeichnet wird. Biographien beschreiben ihn gerne als Sohn eines „kenianischen Hirten“. Das mag zwar stimmen. Allerdings eines kenianischen Hirten mit Harvard-Diplom.
Nichtsdestotrotz verkörpert Obama den Amerikanischen Traum. Als Schwarzer, ohne jeglicher, erblich bedingter politischer Verbindungen wäre, wie er selbst hervorhebt, sein Weg in keinem anderen Land der Welt möglich gewesen.
Mit etwas Glück wird er in zwei Jahren sogar im Weißen Haus landen. Auf jeden Fall benötigt er dazu mehr Glück als er mit seinem Namen hat. Nicht nur sein Nachnahme bringt unter Amerikanern, die ihn zum ersten Mal hören, ungewünschte Assoziationen mit sich. Sein wohl behüteter Mittelname ist Hussein.
Geschrieben von Gernot Wagner, Donnerstag, November 09, 2006. ![]()
Kommentare
Kommentar geschrieben von , Februar 10, 2007 2:42 PM.


