Gernot Wagner

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13. Juni 2006

Globalisierung auf Umwegen

Skype kann, was die AUA nicht schafft

Wirtschaftsblatt, 13. Juni 2006.

New York, 22:00 Uhr Ortszeit. Dem Österreich-Urlaub steht nichts mehr im Wege. Gleich nach dem Abendessen habe ich Flug, Züge, Hotels und Restaurants gebucht. Nichts ist vor dem Internet sicher. Google Earth verrät sogar den schnellsten Weg durch den Schönbrunner Irrgarten.

Es gibt ein einziges Problem: Meine Frau sitzt beim Flug nach Wien hinter anstatt neben mir. Ein kurzer Blick auf die Webseite der Austrian Airlines (AUA) zeigt, dass eine Änderung nur telefonisch möglich ist. 800 843 0002: die Tonbandstimme verrät in perfektem Englisch, die AUA sei nur von 9 bis 18 Uhr Ostküstenzeit geöffnet. Excuse me?


Wider die Globalisierung

Immer wieder gibt es jemanden, der sich direkt gegen die Kräfte der Globalisierung zu stemmen versucht. Diesmal ist es aber ein österreichisches Paradeunternehmen, das sein Geschäftsmodell schon auf Globalisierung ausgelegt hat, bevor das Wort überhaupt erfunden worden ist.

Es ist gut und richtig, dass die AUA ihre New Yorker Mitarbeiter um 18 Uhr nach Hause schickt – warum sollten sie nicht auch am Abend ihren Österreich-Urlaub planen können?! Dass aber die gesamte AUA nach 18 Uhr New Yorker Zeit geschlossen ist, ist natürlich Unsinn. Neben der Telefonnummer für Amerika verrät die Website auch die Nummern von Aserbaidschan bis Südkorea. Wer ist also um diese Zeit noch wach?

852 2525 5221: Nach einem vierminütigen Gespräch mit dem AUA-Schalter in Hongkong hat meine Frau den Sitzplatz neben mir. Zusätzlich rät die nette Dame am anderen Ende zu einem asiatisch-vegetarischem Gericht an Bord, schmeckt angeblich ausgezeichnet. Dank Internet-Telefonservice Skype, über das ich telefoniere, belaufen sich die Kosten der Umbuchung auf 12 Cent. Ich hätte zwei Cent weniger bezahlt, hätte mich die AUA-Mitarbeiterin nicht gefragt, ob ich gerade in Hongkong sei. Nach einem gemeinsamen Lacher bat ich meine Gesprächspartnerin noch, sich für mich bei ihrer Kollegin in Tokio zu entschuldigen. Auf deren freundliches "Musch musch" konnte ich leider nicht antworten. Sie sprach kein Englisch und ich fand erst später im Internet das japanische Wort für Entschuldigung: "Sumimasen".


Nicht schutzbedürftig

Warum aber muss ein Kunde für eine Sitzplatzänderung erst die Telefonnummer eines englischsprachigen Büros auf der anderen Seite der Welt eruieren? Der nächste Anruf könnte genauso gut eine Neureservierung sein. Anstelle des AUA-Büros in Hongkong ruft der amerikanische Kunde vielleicht British Airways an und wird – ohne es zu merken – zu einem Callcenter in Indien verbunden.

Einzelpersonen benötigen und verdienen zu Recht einen gewissen Schutz vor der globalen 24-Stunden-Gesellschaft. Einem weltweit agierenden Unternehmen kann und sollte so ein Schutz aber niemals gewährt werden.

New York, ein Uhr Ortszeit. In Österreich beginnt der Arbeitstag. Der Kochkurs im Bregenzer Deuring Schlössle ist bestätigt, Gratis-Kochschürze inkludiert. Der Kursleiter, so wird mir versichert, spricht selbstverständlich Englisch.

Geschrieben von Gernot Wagner, Dienstag, Juni 13, 2006.

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