08. April 2004
Die Tücken der Sommerzeit
Raiffeisenzeitung, Nr. 15, 8. April 2004, Gastkommentar, Seite 3.Sonntag, 28. März, 2:00 Uhr früh. Ich verliere eine ganze Stunde meines Lebens, nur um sie im Oktober wieder zurückzubekommen. Kein Problem, sage ich mir. Schließlich passiert das jedes Jahr, aber heuer war es doch ein bisschen zu viel des Guten.
Sonntag, 4. April, 2:00 Uhr früh. Nordamerika dreht seine Uhren eine Stunde vor. Ich bin fuchsteufelswild. Noch eine Stunde für immer verschwunden. Warum ich? Warum hätte ich nicht letztes Wochenende in den USA und dieses in Europa verbringen können?
Wie bei so vielen Schnapsideen lässt sich die Sommerzeitumstellung auf einen Amerikaner zurückführen. Und auch nicht irgendeinen: Benjamin Franklin, Erfinder des Blitzableiters und Amerikas erster Diplomat, zeichnet höchstpersönlich dafür verantwortlich. Allerdings erlebte Franklin die Umsetzung seiner Idee nicht mehr. Dazu benötigten die Amerikaner -- wie sollte es anders sein -- ihr Militär. Während der beiden Weltkriege nahmen die USA, Österreich und einige europäische Länder den Krieg als Vorwand und führten die zweimal jährliche Zeitumstellung ein, um die Staatskassen zu schonen. 1980 wurde sie schließlich permanent in Österreich eingeführt.
Dafür gibt es tatsächlich einige seriöse Gründe. Eine Stunde mehr Sonnenlicht am Abend erspart vielen enorme Summen an Energiekosten, während die verloren gegangene Stunde Licht am Morgen kaum eine Rolle spielt. Im Sommer wird es ohnehin schon zu unmenschlich früher Zeit hell. Im Winter hingegen heben sich die Ersparnisse am Nachmittag durch die erhöhten Energiekosten in der Früh wieder auf. Die Zeitumstellungen im Frühjahr und Herbst wirken sich also merkbar auf die Geldbörse aus. Aus wirtschaftlichen Gründen sind sie mehr als sinnvoll.
Jetzt stellt sich nur mehr die Frage warum ich heuer gleich zwei Stunden meines Lebens verloren habe. Falls die Sommerzeitumstellung tatsächlich nur aus wirtschaftlichen Gründen erfolgt, sollte es schließlich einen einzigen Tag geben, an dem es am günstigen ist, jeden eine Stunde seines wohlverdienten Schlafes zu berauben. Für jeden Breitengrad sollte das optimale Datum dasselbe sein. Dazu kommt, dass die Umstellung selbst mit Kosten verbunden ist und diese durch internationale Kooperation auf ein Minimum gehalten werden könnten.
Die Realität sieht allerdings anders aus. Europa dreht seine Uhren am letzten Sonntag im März vor; Nordamerika folgt am ersten Sonntag im April; und Israel hat gar keinen fixen Zeitpunkt. Dort bestimmt das Innenministerium jedes Jahr aufs Neue, wann jeder um seine Stunde Schlaf kommt.
Bei der Zurückstellung auf Normalzeit geht es noch einmal drunter und drüber. In Israel passiert es ungefähr am ersten Freitag im September; gefolgt von den Palästinensern am ersten Freitag nach dem 15. Oktober; und in Europa und Nordamerika dürfen sich alle am letzten Oktobersonntag so richtig ausschlafen. China, Japan und der halbe US-Bundesstaat Indiana legen sich gleich ganz quer und stellen ihre Uhren erst gar nicht um.
Hier geht es um nichts Persönliches. Schließlich erhielt ich eine meiner verlorenen Stunden irgendwo am Flug über den Atlantik wieder zurück. Falls aber tatsächlich der Hauptgrund für die Zeitumstellung die Einsparung von Energiekosten ist, warum sind wir international nicht in der Lage auf einen gemeinsamen Nenner zu kommen? Anstatt uns über Demokratie, Welthandel und andere noble Belange den Kopf zu zerbrechen, vielleicht können wir es zunächst einmal mit unseren Uhren versuchen.
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Geschrieben von Gernot Wagner, Donnerstag, April 08, 2004. ![]()

