Gernot Wagner

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25. September 2002

Amerikas globale Rolle

Amerikas globale Rolle: Einem Europäer fällt es immer schwerer, die Amerikaner in der Heimat zu verteidigen

Die Presse, 25. September 2002, Gastkommentar, Seite 2.

Während meines bisher vierjährigen Aufenthaltes in den USA gab es für mich immer eine Tatsache. Hier in Amerika kommentierte ich jede politische Aktion äußerst kritisch, betonte genüsslich dass Clinton oder Bush "eure" und nicht "meine" Präsidenten seien, und erzählte mit Stolz von der besseren Lebensqualität auf dem Alten Kontinent. Wann immer ich jedoch nach Österreich kam, verteidigte ich eben dieses Amerika und ging dazu über seine guten Seiten zu loben. Ja, natürlich gibt es dort auch genügend Probleme, aber die manchmal bis an die Obsession grenzende Gedanken- und Redefreiheit, das hohe Maß gesellschaftlicher Vielfalt, und die in Europa unerreichbar hohe soziale Mobilität seien jedoch über alles andere zu stellen.

Diese Tatsache hat sich aber stark verändert. In letzter Zeit wurde es immer schwieriger, die Politik der USA und somit auch die Grundsätze der amerikanischen Gesellschaft im Ausland zu verteidigen. Während meines jüngsten Aufenthaltes in Österreich hatte ich selbst Probleme damit klarzustellen, dass trotz allem die Vereinten Nationen ja doch eine amerikanische Erfindung seien. Ich stimmte stillschweigend zu, als mein Onkel erwähnte, dass George Washington eigentlich ein Terrorist war und hatte sogar etwas Sympathie für die Haltung meines Cousins, als er mir zu erklären versuchte, warum die Terroranschläge vom 11. September das Werk des amerikanischen Geheimdienstes CIA sein mussten.

Ich fand plötzlich heraus, dass meine vorprogrammierte Rede über die Vorzüge der amerikanischen Demokratie ("Ja, ein grossteil kam nicht zu den Urnen. Es stimmt, die Mehrheit entschied sich anders, aber schau, die Wahlen wurden trotzdem mit der Hilfe von Rechtsanwälten und nicht des Militärs entschieden.") seine Gültigkeit verloren hatte. Es sieht ganz danach aus, dass das Weiße Haus die nächsten Präsidentschaftswahlen mit einer rechtzeitig angesetzten Militärinvasion beeinflussen wolle.

Mit den kürzlich verhängten Importzöllen für Stahl und den erhöhten kontraproduktiven Agrarförderungen, die vor allem landwirtschaftlichen Großbetrieben zu Gute kommen, kann ich mittlerweile nicht einmal mehr mit ruhigem Gewissen die USA als Beispiel für freien Handel und Liberalisierung anführen. Wie sollte ich etwas entgegenhalten, wenn jemand behauptet dass die Amerikaner den freien Markt ja auch nur unterstützen wenn es in ihr Konzept passt?

Zu guter Letzt kommt da noch die Umwelt. Genug gesagt. Es ist schlicht und einfach zu schwierig geworden, die Politik Amerikas zu verteidigen. Wie soll ich jemanden davon überzeugen, dass der diplomatischste hochrangige Vertreter der US-Regierung, und auch jener mit der vernünftigsten Haltung in Sachen globaler Umweltprobleme, ein ehemaliger Kriegsgeneral ist?

Schlussendlich ist es eigentlich verwunderlich, wie viel die Österreicher über Amerika wissen. Ob es sich etwa um Ariel Sharons Unterstützung für Jeb Bushs Wahlkampagne in Florida, George W. Bushs Schritt zur Freigabe der Waldrodung in Nationalparks oder George Bush Seniors väterlichen Rat Irak betreffend handelt, der Durchschnittsösterreicher ist wahrscheinlich besser über den Bush Klan als über so manche eigenen Regierungsmitglieder informiert. Zumindest weiß man in Österreich mehr über die USA als es den Bushs lieb wäre.

Immerhin hat sich eine Tatsache nicht verändert. Ich kann noch immer darüber witzeln, dass Österreich einfach zu unbedeutend ist um genauso irritierend zu sein, wie die USA.

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Geschrieben von Gernot Wagner, Mittwoch, September 25, 2002.

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