Gernot Wagner

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16. Juni 2002

In Defense of a Dream

Argumente für ein Studium in den USA

Jahresbericht des Bundesgymnasium Amstetten, Juni 2002.

Gleich vorweg: Ich identifiziere mich in fast allen Belangen mehr mit den 20.000 Protestanten die U.S. Präsident Bush bei seinem jüngsten Besuch in Berlin empfangen haben, als mit den politischen Haltungen des Weißen Hauses. Ich bin auch davon überzeugt, dass die Lebensqualität in Österreich und Europa ein Vielfaches besser ist als in weiten Teilen Amerikas. Trotzdem aber bereue ich keine Minute meines Aufenthaltes hier in den USA und kann einen solchen Schritt nur jedem empfehlen.

Mein Abenteuer – im wahrsten Sinne des Wortes – begann in der 7. Klasse Gymnasium, als ich mich entschieden hatte das Schuljahr an einer amerikanischen High School zu verbringen. Im ersten Semester konnte ich gleich unmittelbare Erfahrung mit den 25 Prozent der Amerikaner machen, die zu den fundamentalen evangelischen Christen zu zählen sind. Meine Gastmutter versuchte mich zu ihrer Form des Glaubens zu bekehren, was ihr trotz dutzender, oft stundenlanger Diskussionen über die wissenschaftliche Richtigkeit der Geschichte rund um Noahs Arche und wöchentlicher, dreistündiger Messen in einem gigantischen, stadionähnlichen Gotteshaus mit live Satellitenübertragung für die daheim Gebliebenen nicht gelang. Obwohl ich damals nie meinen Eltern die ganze Wahrheit sagen hätte können und ich mich nach sechs Monaten dann selbst um eine neue Gastfamilie gekümmert habe (die danach auch meinen Bruder Michael liebevoll ein Jahr lang in ihr Haus aufgenommen hat und mit der wir noch immer regen Kontakt pflegen), würde ich diese Erfahrung um nichts missen wollen.

Dies trifft übrigens auch auf den Rest des Experiments Amerika zu. Amerika ist nicht perfekt – bei weitem nicht. Der durchschnittliche Amerikaner verbringt mehr Zeit pro Jahr in Verkehrsstaus als im Urlaub, erliegt eher modernen Zivilisationskrankheiten wie Krebs und Fettleibigkeit als der Rest der Bevölkerung, und dabei verbraucht er mehr Energie und produziert mehr Müll als alle anderen. Aber trotzdem gibt es Dinge, die dieses Land nicht nur zu einem faszinierenden Studienort sondern auch in vielen Belangen einzigartig in der Welt machen.

Amerikaner pochen auf ein Niveau der Gedanken- und Redefreiheit, das manchmal bis an Obsession grenzen kann. Die USA ist eines der einzigen Länder, in dem man im Wartezimmer der Einwanderungsbehörde Fernseher laufen lässt, die eine halbstündige Dokumentation über die Berliner Protestanten zeigen, und dabei deren Anliegen durchaus positiv gegenübersteht. Amerika ist wahrscheinlich auch das einzige Land, in dem ein Pakistaner eine Inderin in ein eritreisch-äthiopisches (!) Restaurant ausführen kann, ohne dabei (allzu) abwegige Absichten zu haben. Was Amerika aber sogar noch besonderer macht, ist ein Maß an sozialer Mobilität, von dem man in jedem anderen Land nur träumen kann. Die Eltern meiner Frau kamen vor dreißig Jahren, ohne ein Wort Englisch zu sprechen, aus Thailand in den USA an. Ihre Tochter schloss vor zwei Jahren ihr Studium mit Auszeichnung ab – an Harvard. Selbstverständlich gibt es auch in den USA soziale Ungleichheiten, selbstverständlich hilft es auch hier "wen zu kennen," und selbstverständlich geht mit einer dicken Geldbörse vieles einfacher, aber mit einem gewissen Maß an Willenskraft und ein bisschen Glück kann es jeder schaffen von traditionellen sozialen Ständen loszubrechen, um beispielsweise eine den Talenten und dem Arbeitswillen entsprechende Universität zu absolvieren.

Das bedeutet auch, dass Amerika – zum Teil aufgrund der gieren Größe des Landes, zum Teil aber auch wegen dieser einzigartigen Faktoren – unglaubliche Chancen für jeden bietet, der den Schritt über den großen Teich wagt. Schließlich ist dies auch der einzige Weg an so manchem Missstand in den USA zu arbeiten.

Historiker Edward Gibbons wusste von dieser Erkenntnis noch nicht, als er im 18. Jahrhundert sein Monumentalwerk The Rise and Fall of the Roman Empire verfasste, aber die Römer haben ihren Untergang nicht zuletzt der Tatsache zu verdanken, dass ihr Wassersystem für seine Zeit ausgesprochen fortgeschritten war – ohne aber über alle Konsequenzen Bescheid zu wissen. Die weitläufige Nutzung von Bleirohren für die Wasserversorgung Roms sorgte dafür, dass weite Teile der Bevölkerung einem frühzeitigen Tod durch Bleivergiftungen erlagen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass in absehbarer Zukunft niemand The Rise and Fall of the American Empire verfassen können wird, aber vorsichtshalber lerne ich gerade schon einmal Chinesisch.

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PDF Brief an Landesschulräte

Geschrieben von Gernot Wagner, Sonntag, Juni 16, 2002.

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