18. Februar 2002
Stell dir vor, es gibt eine Rezession und keiner merkt's
Raiffeisenzeitung, Nr. 48, 29. November 2001, Gastkommentar, Seite 3.Nachgedruckt: Die Presse, 18. Februar 2002, Gastkommentar, Seite 2.
Seit dem Platzen der durch den Rummel um die neue "E-Wirtschaft" künstlich aufgeblähten "Internet Bubble" zu Beginn dieses Jahres, standen die Zeichen für die amerikanische Wirtschaft unter keinem guten Stern. Die tragischen Ereignisse Anfang September haben die US Wirtschaft nochmals ein Stück näher in Richtung Rezession gedrängt, und jetzt sieht es aller Anschein nach aus wie wenn der Rest der Welt der USA solidarisch Folge leistet.
Wifo-Chef Helmut Kramer wagte als erster in seiner Wirtschaftsprognose für Österreich das R-Wort in den Mund zu nehmen. Finanzminister Karl-Heinz Grasser widersprach ihm dabei postwendend. Jetzt stellt sich nur mehr die Frage: Wem juckt's?
Die Definition einer Rezession verlangt zwei aneinanderfolgende Vierteljahre mit negativem Wirtschaftswachstum. Übersetzt in Zahlen, bedeutet dies, dass das Bruttoinlandsprodukt, kurz BIP, ein halbes Jahr lang fallen muss. Natürlich gehen mit einer schrumpfenden Wirtschaft negative Konsequenzen Hand in Hand: Steigende Arbeitslosenzahlen haben direkte, in vielen Fällen existenzbedrohende Auswirkungen auf tausende von Familien.
Eines bedeutet die Rezession in unseren Breiten allerdings nicht oder nur kaum: ein niedrigerer Lebensstandard für weite Teile der Bevölkerung.
Das BIP misst nicht das gesellschaftliche Wohlbefinden oder gar die eigentliche Glücklichkeit der Bevölkerung. Es misst einzig und allein das Wirtschaftsvolumen, unseren materiellen Wohlstand. Mehr Geld macht uns für gewöhnlich auch glücklicher, aber nur bis zu einem gewissen Punkt. Sich die Grundbedürfnisse wie Essen, Gewand, und ein eigenes Haus, aber auch Fernseher, Auto, und Urlaub nicht leisten zu können, beeinträchtigt natürlich unser Wohlbefinden. Kaum jemand würde argumentieren dass das Leben in Österreich ohne diese Güter und Dienstleistungen erstrebenswerter wäre.
Es gibt jedoch einen Punkt nach dem diese Korrelation zwischen materiellem Wohlstand und allgemeinem Wohlergehen zusammenbricht, besonders wenn zusätzliches Wirtschaftswachstum andere negative Auswirkungen modernes Wirtschaftslebens mit sich bringt, wie beispielsweise steigende soziale Ungleichheit und Umweltverschmutzung.
Solch "unökonomisches" Wachstum lässt das BIP allerdings völlig unberührt. Ob positive oder negative Wirtschaftsaktivitäten, alles wird kunterbunt zusammengewürfelt. Ein Unternehmen das Rohstoffe in wichtige Produkte des täglichen Gebrauchs umwandelt, trägt berechtigter maßen zum Anstieg des BIP bei. Allerdings entstehen, wie in jedem Produktionsprozess, auch ungewünschte Nebenprodukte, die in der Form von Abfällen und Schadstoffen in die Umwelt gelangen.
Diese entstehende Umweltverschmutzung wird nicht vom BIP subtrahiert. Ganz im Gegenteil, wenn die Regierung entscheidet etwas dagegen zu tun, um die bereits entstandenen Verschmutzungen zu beseitigen, trägt dies wiederum zum Anstieg des BIP bei, weil Geld aufgewendet wird. Daran ist grundsätzlich nichts auszusetzen, da diese Aufräumarbeiten auch Personen beschäftigen und der Sektor der Umwelttechnologie beispielsweise einen viel versprechenden Wirtschaftsbereich darstellt.
Was dieses Beispiel allerdings verdeutlicht, ist, dass die Zahl des BIP nur einen schlechten Indikator des eigentlichen Wohlstandes darstellt. Ohne Umweltverschmutzung würde es uns als Gesellschaft zweifelsohne besser gehen als mit. Es sollte daher nicht verwundern, dass, besonders in Industrieländern, Indikatoren die eigentliche Glücklichkeit und Wohlergehen messen in den letzten paar Jahrzehnten nicht mit dem jährlich beobachtbaren Wirtschaftswachstum Schritt gehalten haben. Deshalb sollte es auch keinen Grund geben, dass diese Indikatoren sinken, wenn unser BIP tatsächlich fällt.
Die Probleme mit der Messung des BIP und dessen Relevanz als Indikator tatsächlichen Wohlbefindens sind universitären Forschungseinrichtungen und statistischen Zentralämtern sowie internationalen Organisationen wie EUROSTAT, der statistischen Behörde der EU, seit Jahren ein Begriff. Neben der täglichen Arbeit des Erstellens aktueller Wirtschaftsdaten, beschäftigt sich deren Forschungsarbeit teils intensiv mit den vielen Aspekten der Verbesserung und Erweiterung der Messung des BIP.
Bis es allerdings soweit ist, dass offizielle BIP Zahlen tatsächlich höhere Relevanz als Wohlstandsindikatoren besitzen, sollte deren Erwähnung, besonders im Zusammenhang mit so heiklen Themen wie denen des R-Wortes, mit einer gehörigen Brise Salz genossen werden.
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Geschrieben von Gernot Wagner, Montag, Februar 18, 2002. ![]()

