15. Juli 2001
Klimaänderung und Auswirkungen auf den Agrarsektor
Landwirtschaftliche Mitteilungen, 15. Juli 2001, Gastkommentar, Seite 11.Nachgedruckt: Raiffeisenzeitung, Nr. 31, 2. August 2001, Gastkommentar, Seite 3.
Beauftragt (ohne redaktioneller Einflussnahme) von der Österreichischen Hagelversicherung.
Mittlerweile gibt es kaum noch seriöse Wissenschaftler die bezweifeln, dass sich das Weltklima in noch nie wahrgenommenem Ausmaß erwärmt. Was das allerdings für unsere Gesellschaft bedeutet, ist weit weniger bekannt. Oft hört man Argumente, dass ein bisschen Erwärmung für unsere Breiten gar nicht so schlecht wäre. Einige Wintersportgebiete würden natürlich darunter leiden, aber wer will schon nicht gerne ein paar zusätzliche Badetage genießen und zu guter Letzt würde eine längere Anbausaison auch für die Landwirtschaft höhere Erträge bringen.
Ganz abgesehen davon, dass mit wärmeren Temperaturen auch längere Trockenperioden einhergehen und die Ernteerträge wiederum negativ beinträchtigen, bringt die globale Klimaänderung noch ein viel größeres Problem mit sich, dem oft geringere Aufmerksamkeit geschenkt wird: Die Anzahl und Intensität von extremen Wetterereignissen wie Flut-, Sturm- und Dürrekatastrophen sind in den letzten Jahren dramatisch angestiegen.
Professor James McCarthy, Leiter der Arbeitsgruppe II des UNO-Wissenschaftsrates zur Klimaveränderung (IPCC), die sich mit den potentiellen Auswirkungen auf Mensch und Natur befasst, geht sogar soweit zu behaupten, dass unsere Besorgnis um Anstiege der weltweiten Durchschnittstemperatur fast vom eigentlichen Problem ablenkt: "Die Auswirkungen des Temperaturanstieges sind von Region zu Region verschieden. Eines ist allerdings klar. Alle Gebiete werden einen rasanten Anstieg von Stürmen und Unwettern erleben, da sich die Atmosphäre irgendwie der neu gewonnenen Energie, die sie in Form von Wärme gewonnen hat, entledigen muss."
Die Zahlen sprechen für sich. Munich Re, die weltweit größte Rückversicherungsanstalt, bei der sich andere Versicherungen gegen Schäden wie Naturkatastrophen absichern, ermittelte, dass die Anzahl solcher Ereignisse in den neunziger Jahren im direkten Vergleich mit den sechziger Jahren um das Dreifache gestiegen ist, während sich die volkswirtschaftlichen Schäden sogar um das neunfache vermehrten. Ein großer Teil dieses rasanten Schadenanstieges ist selbstverständlich darauf zurückzuführen, dass sich der materielle Wohlstand unser stetig wachsenden Bevölkerung innerhalb dieser vier Jahrzehnte auch rapide vermehrt hat. Dies trifft allerdings auf den neunfachen Schadensanstieg zu, nicht aber auf den dreifachen Anstieg von Naturkatastrophen. Diese Verdreifachung kann einzig und alleine durch eine tatsächliche Zunahme von Naturkatastrophen erklärt werden, welche Munich Re selbst zumindest teilweise mit der Klimaänderung in Verbindung bringt.
Von besonderem Interesse für den Agrarsektor ist allerdings nicht nur der absolute Anstieg von Naturkatastrophen, sondern deren Zusammensetzung. Rund zwei Drittel aller von Munich Re im Detail untersuchten Naturereignisse in Deutschland waren Sturmschäden. Deren Anteil am volkswirtschaftlichen Gesamtschaden beträgt sogar 75 Prozent. Als außerordentlich sensibler Wirtschaftssektor, ist die Landwirtschaft dabei besonders gefährdet. Selbst die einfältigsten US-Wirtschaftswissenschaftler gestehen dies ein. Sie verwenden gerne die Argumentation, dass wir uns um die Klimaänderung nicht sorgen sollten, da die Landwirtschaft der einzige Wirtschaftssektor sei, der davon betroffen ist und diese nur ein paar Prozente des Bruttosozialproduktes ausmache.
Diese Haltung mag so manchem zwar eine Stelle in der Bush-Regierung bescheren, aber die Argumentation ist grundlegend falsch. Sie basiert auf der Annahme, dass sich unser gesamtes Leben nur um die Optimierung des Bruttosozialproduktes dreht, was Gott sei Dank nicht der Fall ist.
Unsere Gesellschaft ist Landwirten ja bekanntlich für weit größere Dienstleistungen zum Dank verpflichtet als für die bloße Bereitstellung von einigen Prozentpunkten unseres Wirtschaftsvolumens. Die Pflege der Kulturlandschaft und die Bewahrung lebenswichtiger ökologischer Dienstleistungen kann allerdings nur aufrechterhalten werden, wenn wir das Problem der Klimaveränderung und die damit einhergehenden Auswirkungen auf den Agrarsektor ernst nehmen. Dies ist nicht nur für die Landwirtschaft selbst, sondern auch für die gesamte Gesellschaft von größter Bedeutung.
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Geschrieben von Gernot Wagner, Sonntag, Juli 15, 2001. ![]()

